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Prognose

Konjunktur: „Rosskur war goldrichtig“

Die Corona-Rezession in Österreich wird kurz, aber schmerzvoll ausfallen, sagen die Wirtschaftsforscher von IHS und Wifo.
Die Corona-Rezession in Österreich wird kurz, aber schmerzvoll ausfallen, sagen die Wirtschaftsforscher von IHS und Wifo.APA/HELMUT FOHRINGER
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Die Corona-Rezession in Österreich wird kurz, aber schmerzvoll ausfallen, sagen die Wirtschaftsforscher von IHS und Wifo. Für den Herbst brauche es neue, andere Hilfen vom Staat.

Wien. Wenn Ökonomen versuchen, ihre Prognosen verständlich zu machen, kommen sie ohne Metaphern nicht aus: Die Corona-Pandemie habe Österreichs Wirtschaft im März und April „auf die Intensivstation“ gebracht, sagte Wifo-Chef Christoph Badelt am Freitag. Allein in den letzten beiden Märzwochen sei die Konjunktur um ein Viertel eingebrochen. Doch die staatliche „Rosskur“, gemeint sind die milliardenschweren Hilfspakete, seien „goldrichtig“ gewesen und hätten Schlimmeres verhindert. Der Patient befinde sich auf dem Weg der Besserung. Auch IHS-Chef Martin Kocher zeigte sich zuversichtlich, dass die Rezession nach dem ersten Halbjahr wieder abgeblasen sein dürfte. Zum Vergleich: Die Finanzkrise vor gut zehn Jahren zog sich über fünf Quartale mit schrumpfender Wirtschaftsleistung hinweg.

Dennoch gibt es nur wenig Grund für ausschweifenden Optimismus. Denn anders als 2009 fällt der Wirtschaftseinbruch diesmal deutlich schwerer aus und betrifft fast alle Länder weltweit. Im Vergleich zu ihren jüngsten Prognosen schraubten die beiden Wirtschaftsforschungsinstitute ihre Erwartungen für heuer daher noch einmal nach unten: Das Wifo rechnet heuer mit einem Schrumpfen der Wirtschaftsleistung von sieben Prozent, das IHS erwartet gar ein Minus von 7,3 Prozent.

 

Schnelle Erholung erwartet

Doch geht alles gut (sprich: bleibt Österreich und seinen Exportpartnern eine größere, zweite Welle erspart), sollte es im kommenden Jahr auch sehr schnell wieder aufwärts gehen. Das Wifo geht von einem Wirtschaftswachstum von 4,3 Prozent aus, das IHS hofft auf ein Plus von 5,8 Prozent (Details siehe Grafik). Angesichts der rekordhohen Konjunkturpakete, die von den Regierungen weltweit geschnürt würden, stünden die Chancen gut, dass die Erholung deutlich rascher ausfalle als bei der Finanzkrise. Dieser Aufholprozess sei im historischen Vergleich „dynamisch“, reiche aber dennoch nicht aus, damit am Ende des Prognosezeitraums (per Ende 2021) das Vorkrisenniveau wieder erreicht wird, warnte das Wifo.

Deutlich größer als bisher angenommen dürfte auch das Loch ausfallen, das die Bekämpfung der wirtschaftlichen Folgen des Lockdowns in die Staatskasse reiße. Einerseits sinken die Steuereinnahmen aufgrund von Arbeitslosigkeit, weniger Konsum und geringeren Unternehmensgewinnen. Andererseits steigen die Kosten für die Krisenbekämpfung. Erwartete das Wifo im April noch ein Rekordminus von 7,4 Prozent, so soll laut der aktuellen Prognose Finanzminister Gernot Blümel heuer sogar ein Defizit in Höhe von 10,3 Prozent vorlegen. Das IHS geht von 11,5 Prozent Defizit aus.

 

Corona-Kurzarbeit beenden

Dennoch seien die staatlichen Soforthilfen absolut notwendig gewesen, um weitere Unternehmensinsolvenzen und einen noch stärkeren Anstieg der Arbeitslosigkeit zu verhindern. Doch die Wirkung sei beschränkt. Spätestens ab Herbst brauche die Wirtschaft andere Impulse, um wieder auf Touren zu kommen. Die Eigenkapitalausstattung der Unternehmen müsse verbessert werden, um Investitionen wieder zu ermöglichen, sagte Kocher. Und auch bei der Kurzarbeit seien Anpassungen dringend notwendig. IHS-Ökonom Helmut Hofer plädierte für ein baldiges Auslaufen der Corona-Kurzarbeit, da sie dazu führen könne, dass Unternehmen ihre Produktion länger als notwendig drosseln. Nur einzelne Branchen wie der Tourismus bräuchten das Modell weiter.

Am längsten werden die Auswirkungen der Krise am Arbeitsmarkt zu spüren sein, so die Ökonomen. Die Arbeitslosenquote werde heuer von 7,4 Prozent im Jahr 2019 auf 9,7 Prozent hochschnellen und noch 2024 bei acht Prozent liegen. Die Betroffenen müssten rasch weitergebildet werden. Gerade im Tourismus würden viele Jobs nicht wiederkehren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.06.2020)