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Deutschland

EU schaltet sich in Fall Wirecard ein

Wirecard-Gründer Markus Braun wurde gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt.
Wirecard-Gründer Markus Braun wurde gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt.APA/dpa/Peter Kneffel
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Die Insolvenz des Zahlungsanbieters Wirecard wirft in Brüssel Fragen nach Versäumnissen der deutschen Finanzaufsicht auf. Für Merkel ist der Skandal besorgniserregend.

Frankfurt. Für Anleger teuer, für die deutsche Finanzmarktaufsicht Bafin peinlich: dass der Bilanzskandal rund um den Zahlungsdienstleister Wirecard, bei dem sich 1,9 Milliarden Euro plötzlich in Luft auflösten, nämlich so lang unbemerkt blieb. Nachdem das Unternehmen am Donnerstag Insolvenz anmelden musste, trat am Freitag die EU-Kommission auf den Plan.

Nach ihrem Willen soll die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde Esma klären, ob die deutsche Finanzaufsicht bei der Kontrolle über Wirecard versagt hat, so Kommissionsvize Valdis Dombrovskis. Bis Mitte Juli erwarte er eine Antwort von ihr. „Wir müssen klären, was schiefgelaufen ist“, teilte er gegenüber der britischen „FT“ mit, die schon seit Langem über Ungereimtheiten bei dem deutschen Unternehmen berichtet hat.

Deutschlands SPD-Finanzminister Olaf Scholz stellte bereits eine Reform der Bafin in Aussicht und kündigte an, deren Strukturen zu durchleuchten, um mögliche Fehler zu finden. Auch müsste die aktuelle Arbeitsweise der Behörde überdacht werden. „Die Bafin muss künftig in der Lage sein, Sonderprüfungen möglichst kurzfristig, schnell und effizient durchführen zu können“, so der SPD-Politiker. Der Chef der Aufsicht, Felix Hufeld, hat bereits Fehler im Fall Wirecard eingeräumt. Am kommenden Mittwoch muss er in der Causa Prima Rede und Antwort stehen.

DAX wird Wirecard nicht los

Bei Wirecard handelt es sich um den ersten DAX-Wert in der Geschichte, der Insolvenz anmelden musste. Die Aktie verlor in sieben Handelstagen über 98 Prozent an Wert und kostet inzwischen weniger als zwei Euro. Dennoch dürfte das Papier noch bis Anfang September in der obersten deutschen Börsenliga mitspielen. Einen früheren Abschied oder einen Rauswurf der Aktie sieht das Regelwerk nicht vor. Anders im Stoxx-Europe-600, aus dem das Papier am Dienstag fliegt.

So oder so – der Schaden für den deutschen Aktienmarkt ist angerichtet. Sogar Kanzlerin Angela Merkel ließ über ihren Regierungssprecher ausrichten, dass es nun Ziel sein müsse, die Schwächen auf dem Finanzmarkt zu beheben. Sie bezeichnete den Bilanzskandal als besorgniserregend. Die Staatsanwaltschaft München ermittelt im Fall Wirecard wegen des Verdachts der Bilanzfälschung und der Marktmanipulation. Auch der Wirtschaftsprüfer EY muss sich Vorwürfe gefallen lassen, weil er die Zahlen des gefallenen Börsenstars jahrelang anstandslos testiert hatte. Die deutsche Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) stellte bereits Strafanzeige gegen zwei amtierende und einen ehemaligen Manager von EY. Es gebe Zweifel, dass EY als Abschlussprüfer überhaupt geeignet sei. Die SdK teilte mit, sie werde auf künftigen Hauptversammlungen für die von ihr vertretenen Investoren gegen eine Bestellung von EY zum Abschlussprüfer stimmen. Bei EY selbst weist man die Schuld von sich: Bei Wirecard sei ein ausgeklügeltes, weltumspannendes Betrugssystem aufgebaut worden, mit dem Prüfer und Anleger hinters Licht geführt wurden.

Kunden prüfen Alternativen

Unterdessen rücken immer mehr Kunden, von denen es immerhin über 300.000 gibt, von Wirecard ab. Die Kreditkartenanbieter Visa und Mastercard überdenken ihre Geschäftsbeziehungen mit dem Konzern, wie die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtet. Auch die ÖBB sind ein Wirecard-Kunde. Sie teilten der „Presse“ auf Anfrage mit, die weitere Zusammenarbeit mit Wirecard derzeit „sehr intensiv“ zu analysieren, ebenso wie mögliche Alternativanbieter. (ag./nst)