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Tipp der Woche

Das Leben aus der Katzenperspektive

Von einer geheimnisvollen Maske, einer jungen Hexe und einer frechen Meerjungfrau erzählen diese Animationsfilme aus Japan.

Unheimlich sieht er aus, der Maskenverkäufer, und ein bisschen wie die Grinsekatze aus „Alice im Wunderland“: Meist taucht er in nebligen Nächten auf, ploppt aus Blumentöpfen und Schornsteinen, verändert gern Gestalt und Größe. In einem Moment der Verzweiflung hat die kleine Miyo von ihm eine Maske bekommen, mit der sie sich in eine Katze verwandeln kann. Seitdem geht sie jeden Tag auf Streifzug, vergisst kurz den Kummer, den sie hat, seit ihre Mutter sie verlassen hat, und schmiegt sich an ihren Mitschüler Hinode, der sie in Menschengestalt eher nervig findet.

Doch natürlich hat die Maske ihren Preis, wie Miyo im Lauf des Films „Um ein Schnurrhaar“ erfährt. Das bunt betörende Animationsmärchen, neulich auf Netflix erschienen, ist der jüngste Streich des japanischen Studios Colorido, das davor mit dem so mysteriösen wie niedlichen „Penguin Highway“ auf sich aufmerksam gemacht hat. Der neue Film erzählt behutsam von den Strategien eines Mädchens, mit dem Gefühl der Verlorenheit fertigzuwerden (und mit dem ersten Liebeskummer), spielt aber auch mit einer Idee, die wohl jeder Katzenfreund kennt: Was, wenn die flauschigen Wesen jedes unserer Worte verstehen – und selbst ein kompliziertes Leben führen?

Wer Gefallen findet an den fantasievollen Geschichten und schönen Bildern der japanischen Anime, die es in eine deutsche Übersetzung schaffen, kann noch mehr Schätze zum Streamen entdecken: Auf Amazon gibt es etwa „Mary und die Blume der Hexen“, in dem ein Mädchen über den Wolken eine Zauberschule und ein Familiengeheimnis entdeckt. Und auf Netflix gibt es das gesammelte Werk des legendären Studio Ghibli.

Ganz anders, weil inhaltlich schrulliger und ästhetisch verrückter, ist „Lu Over the Wall“, der leider in keinem Streaming-Abo ist (aber käuflich erhältlich): Ein kleines Küstendorf hat sich darin ganz der Fischzucht und Regenschirmproduktion verschrieben und fürchtet die Meerjungfrauen – bis eine solche in die Band dreier Teenager einsteigt und zum Internethit wird. Ein mitreißendes Märchen über Zusammenhalt und den Mut, sich über Autoritäten hinwegzusetzen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.06.2020)