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Kinderzeitung

Himmel, Arsch und Zwirn! Oida! Du Gfrastsackl!

Oksana Havryliv untersucht seit zwanzig Jahren Schimpfwörter und ihre Verwendung. Zuletzt hat sie zu verbaler Aggression an zwölf Schulen geforscht – und zwar gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen.
Oksana Havryliv untersucht seit zwanzig Jahren Schimpfwörter und ihre Verwendung. Zuletzt hat sie zu verbaler Aggression an zwölf Schulen geforscht – und zwar gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen.(c) Mario Lang
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Heute schon das Sch-Wort verwendet? Oder gar das F-Wort? Landauf, landab wird in den Freibädern, in den Parks und auf den Schulhöfen munter geflucht und geschimpft. Das weckt das Interesse der Schimpfwörter-Forscherin Oksana Havryliv.

Sie sammelt Schimpfwörter aller Art: ausgestorbene und uralte, neu erfundene und wiederentdeckte. Für ihre Forschung als Sprachwissenschaftlerin untersucht die gebürtige Ukrainerin Oksana Havryliv seit mittlerweile zwanzig Jahren, wie auf Deutsch und in seinen vielen Dialekten ebenso wie in den unterschiedlichen Minderheitensprachen in Österreich geflucht wird. Sie hat herausgefunden, dass Kinder und Jugendliche aus ganz anderen Gründen Schimpfwörter verwenden als Erwachsene.

Kinder schimpfen anders. In erster Linie versuchen sich alle Altersgruppen beim Fluchen abzureagieren und die eigene Wut loszuwerden. Die Jüngeren wollen aber auch provozieren, sich selbst darstellen, sich schützen oder einfach mit anderen in Kontakt treten. Oksana Havryliv: „Mit besonders ausgefallenen Schimpfwörtern kann man sich den Respekt in einer Gruppe verdienen, aber die Strategie, sich damit zu verteidigen, geht nicht immer auf.“ Nicht selten können verbale Aggressionen in körperliche Gewalt umschlagen – mehr noch, sie werden als Provokation dazu eingesetzt.

Einige Schimpfwörter haben sich im Laufe der Zeit in ihrer Bedeutung verselbstständigt. So weiß nur jeder zweite Zehn- bis Elfjährige, dass „schwul“ nicht einfach nur „blöd“ heißt, sondern Männer beschreibt, die auf Männer stehen, also gleichgeschlechtlich lieben. Das haben Umfragen in Wiener Parks und Schulen gezeigt.

Für jedes „Behindert“ 50 Cent. Wie „schwul“ ist auch „behindert“ als Beschimpfung in der Jugendsprache weit verbreitet. Das kann jene indirekt beleidigen und verletzen, für die die beiden Wörter neutrale Beschreibungen ihrer Lebenssituation oder -umstände sind, also Menschen, die schwul oder körperlich eingeschränkt sind. Doch die deutsche Alltagssprache zählt gut und gern eine halbe Million Wörter – an alternativen Ausdrücken mangelt es also nicht. Weil wir aber meist in Konfliktsituationen schimpfen, bleibt keine Zeit, genau dann nach neuen Ausdrücken zu suchen.

Manche Wörter können wie Schläge verletzen. Jedes aggressiv gebrauchte Wort wird dann zu einem Schimpfwort.
Manche Wörter können wie Schläge verletzen. Jedes aggressiv gebrauchte Wort wird dann zu einem Schimpfwort.Andrea Kuenzig / laif / picturedesk



„Deshalb sollte man sich generell Gedanken zu seinem Vokabular machen und sich den Gebrauch von bestimmten Wörtern verbieten. Sie rutschen einem bestimmt trotzdem noch heraus, aber das wird immer seltener“, erklärt Havryliv. „Eine Klasse, die ich für einen Workshop besucht habe, hat zum Beispiel ein Sparschwein verwendet, und für jedes ,Behindert‘ mussten 50 Cent eingezahlt werden.“ Zum Schulschluss wurde damit Eis für alle bezahlt.

„Es ist okay, nicht zufrieden zu sein“, betont sie. „Zum Leben gehören negative Emotionen dazu, und die soll man auch ausdrücken. Dafür ist Sprache schließlich da.“ In Workshops an Schulen lehrt die Young-Science-Botschafterin, wie man das am besten tut: „Wenn einen etwas stört, ist es sinnvoller, die Situation zu thematisieren als die Person zu beleidigen.“ Sicher, vielleicht ist ein „Gusch, du Blödmann!“ im ersten Moment effektiv, wenn der Banknachbar beim Hausübung-Machen in der Pause stört. Worum es wirklich geht, sagt man damit aber nicht und sorgt zudem für schlechte Stimmung. Besser ist es also, das Plappermaul einfach darauf hinzuweisen, was einen warum nervt.

Sprache kann wehtun. Kompliziert wird es dort, wo Menschen mit verschiedenen Erstsprachen zusammentreffen. „Im slawischen Sprachraum ist zum Beispiel ,kurva‘, also ,Hure‘, ein weitverbreitetes Füllwort ohne inhaltliche Bedeutung, das sogar mehrmals in einem Satz verwendet wird“, sagt Havryliv. Wird das einfach ins Deutsche übersetzt, dann sorgt das zumindest bei jenen für Irritationen, die mit dieser sprachlichen Eigenheit nicht vertraut sind. Zu einem ähnlichen Pausenfüller hat sich im Österreichischen das „Oida“ der Jugendsprache entwickelt – beleidigt braucht sich davon niemand fühlen.
Allerdings kann Sprache sehr wohl auch ohne „böse“ Wörter verletzen, streicht die Forscherin hervor: „Sprache kann genauso starke Schmerzen zufügen wie körperliche Gewalt.“

Wusstest du schon, dass...

. . . typische deutsche Schimpfwörter dem Fäkalbereich („Scheiße!“) entstammen? In anderen Sprachräumen greift man gern auf religiöses Vokabular („Porco dio!“), auf sexuelle Ausdrücke („Fuck!“) oder Beleidigungen von Verwandten zurück.