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Gastkommentar

Kolumbus' „Entdeckung“ und der koloniale Albtraum

(C) Peter Kufner
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Replik auf Karl Gaulhofers Artikel „Wie schlimm war Kolumbus wirklich?“ – weiterführende Gedanken zur Erinnerungskultur.

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Erinnerungskultur zu gestalten heißt, sich als Gesellschaft von Generation zu Generation aufs Neue über eine zeitgemäße Rekonstruktion identitätsstiftender Geschichtserzählungen zu verständigen. Eine konstruktive Auseinandersetzung setzt eine adäquate Berücksichtigung unterschiedlicher Erinnerungsnarrative voraus. Das Hochhalten einer „nationalen Erfolgsgeschichte“ – der Entdeckung und Eroberung Amerikas, gepaart mit dem Anspruch auf Deutungshoheit über die Erfahrungen der Marginalisierten, den „Verlierern“ besagter Entdeckung und Eroberung – offenbart jedoch eine zweifelhafte Wertperspektive.

Zudem zeugt es von einem einseitigen Geschichtsverständnis, sich wie Karl Gaulhofer (in der „Presse“ v. 17. 6.) der Erörterung der Frage, wie „schlimm dieser Kolumbus wirklich war“, nur aus Sicht spanischer Akteure anzunehmen. Diese Frage kann nur über die Auseinandersetzung mit den Erfahrungen der „Entdeckten“ und „Eroberten“ beantwortet werden und nicht aus eurozentrischer Perspektive.

Am zitierten „Kolumbustag“ und mittels der Denkmäler, die weiterhin das Bild vieler Städte prägten, wird nämlich keinem Seefahrer gedacht, der versehentlich auf ein zuvor in Europa unbekanntes Land stieß, sondern dem Beginn der politischen und wirtschaftlichen Unterwerfung eines „neuen“ Kontinents, dessen Ausbeutung den ökonomischen und politischen Aufstieg seiner Auftraggeber ermöglichte. Durch die Stilisierung von Kolumbus zum „Entdecker“ Amerikas wurde der Name zum Inbegriff der langen und gewaltvollen kolonialen Beziehung, die für die dort lebende Bevölkerung Mord, Gewalt, Versklavung, Vergewaltigung, Zerstörung ihres Lebensraums sowie Stigmatisierung ihrer Sprache und Kultur bedeutete – und vielerorts immer noch bedeutet. Kolumbus zu feiern und zu verehren bedeutet in diesem Kontext, der europäischen Expansion zu gedenken. Die Folgen dieser Eroberungskultur sind nach wie vor spürbar in zeitgenössischen globalen Krisen, seien sie sozialer, gesundheitlicher, ökologischer, wirtschaftlicher oder politischer Art.