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Kino

„Undine“: Eine waschechte deutsche Lovestory

In „Undine“ sind Christoph (Franz Rogowski) und die Titelheldin (Paula Beer) vom ersten Blick weg Feuer und Flamme.
In „Undine“ sind Christoph (Franz Rogowski) und die Titelheldin (Paula Beer) vom ersten Blick weg Feuer und Flamme.
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In Christian Petzolds „Undine“ verlieben sich eine Sagenfigur und ein Industrietaucher: Sie zappeln zwischen trockener Kulturtheorie und schlüpfriger Romantik – und bringen doch zum Seufzen.

Die Liebe als radikaler Akt: Diese Idee teilt sich Hollywood mit zeitgenössischen Kulturdiskursen. Die israelische Soziologin Eva Illouz konstatiert in Büchern und Interviews eine Bindungshemmung beim Gegenwartsmenschen, deren Preis chronische Einsamkeit ist. Der slowenische Denkderwisch Slavoj Žižek bemüht indes gerne die englische Formulierung „falling in love“, um auf die erschütternde Ereignishaftigkeit „wahrer“, authentischer Liebe hinzuweisen, die jedes Ordnungssystem aus den Angeln hebt. Genau wie die zum Kitschsymbol verkommene „Liebe auf den ersten Blick“, die man aus vielen Filmromanzen kennt. Da streifen sich zwei Fremde und sind wie vom Blitz getroffen. Schlagartig wird Zusammenfindenmüssen oberstes Gebot, alles andere spielt keine Rolle mehr, unter dem Druck großer Gefühle bersten private und soziale Widerstände wie morsches Holz.

 

Mythisches und Prosaisches

Wobei: In derartiger Reinform sieht man Liebe im Kino gar nicht mehr so oft. Am ehesten wird eine „Love Explosion“ noch Jugendlichen zugestanden. Geht es um Erwachsene, wird die Paarwerdung vornehmlich als stufenweiser, bisweilen ziemlich mühsamer Prozess dargestellt, im Zuge dessen alle möglichen Hindernisse überwunden, Bedenken ausgeräumt und Komplexe abgeschüttelt werden. Fast schon ein Wunder, dass Filmfiguren unter diesen Umständen überhaupt noch zusammenkommen. Das kann man als Reifung des Genres werten: Realismus statt romantischer Verklärung! Oder als Scheu vor ungefilterten Emotionen interpretieren, die die eingangs erwähnten Thesen bestätigt.

„Undine“, die jüngste Arbeit des renommierten deutschen Autorenfilmers Christian Petzold, geht absichtsvoll und ungeniert den entgegengesetzten Weg – seine Turteltauben sind vom Fleck weg Feuer und Flamme. Liebe als Ausbruch, buchstäblich: Bei der ersten Begegnung zwischen der Titelheldin (Paula Beer) und Christoph (Franz Rogowski) zittert und birst ein Aquarium, sie werden fortgeschwappt, glücklich und durchnässt liegen sie am Boden und blicken sich tief in die Augen. Eine klare Ansage. So wie die, die Undine kurz davor ihrem Ex vor den Latz geknallt hat: „Du kannst nicht gehen. Wenn du mich verlässt, muss ich dich töten.“ Sie meint es todernst.

Handelt es sich bei der Protagonistin also um jenen sagenumwobenen Wassergeist, der leichtsinnige Jünglinge bezirzt und ins Verderben stürzt? Vielleicht. Mythisches und Prosaisches, Wirkliches und Unwirkliches fließen bei Petzold oft ineinander. Etwa in „Yella“, wo Nina Hoss wie ein Gespenst durch die Investmentbranche wandelt. Oder in „Transit“, der Anna Seghers' Weltkriegsfluchtroman in eine unbestimmte Zukunft verlegt, die verdächtig nach Gegenwart riecht. Undine ist also tatsächlich ein Zauberwesen. Aber auch eine Historikerin, die Touristen wohlformulierte Vorträge über das Berliner Humboldt-Forum hält.

Ebendiese Vorträge sind es, die Christoph in Undines Bann ziehen. Später, in einer der schönsten Szenen, will er sie sogar im Bett hören. Doch der Industrietaucher, der unter Wasser über Riesenwelse staunt – noch so eine Petzold'sche Poetisierung des Banalen – liebt ohnedies alles an seiner Angebeteten. Rogowski, in „Transit“ noch ein schweigsamer Film-Noir-Held, wirkt hier wie ein verknallter Schulbub, sein charakteristisches Lispeln tönt ungewohnt verzückt. Auch Beer, die böse Zungen ein Surrogat für Petzolds langjährige Stammschauspielerin Nina Hoss nennen könnten, charmiert trotz einer gewissen Sprödigkeit mit locker sitzendem Lächeln. Sogar die Ästhetik hat Schmetterlinge im Bauch: In so warmen Farben strahlte noch kein Petzold-Werk.

Schmacht, Seufz! Nur: Wo bleibt denn da das Drama? Zunächst im Hintergrund. Dann tritt es schleichend hervor, schlängelt sich entlang eines melancholischen Klaviermotivs um die Liebenden. Warum genau Undine ihrem Namen gerecht werden muss, obwohl sie es nicht will, belässt der Film im Unklaren. Nur dass es etwas mit Prekarisierung zu tun haben könnte und mit der Aura anachronistischer Repräsentationsbauten (die Architektur-Expertise der Hauptfigur ist kein austauschbarer Plot-Zierrat).

Richtig gelingen will diese Petzold-typische Verknüpfung von Kulturtheorie und Genrefilmpraxis, konkreten Gesellschaftsrealitäten und utopischer Fantasie nicht. Zu abstrakt bleibt dieses Mal der intellektuelle Überbau. Aber sympathisch ist der Versuch, eine waschechte Lovestory mitten in die ökonomisch durchgetakteten deutschen Verhältnisse zu pflanzen, allemal. Nicht zuletzt aufgrund ungewohntem Mut zur Schlüpfrigkeit – und humorvollen Details. Als Christoph Undine nach einem Tauchunfall reanimiert, macht er das im Rhythmus des Disco-Dauerbrenners „Stayin' Alive“. Ums Überleben in schwierigen Zeiten, darum geht es in der Liebe nämlich auch.

Ebenso wie um Verantwortung. Und die möglichen Folgen ihrer Geringschätzung. Was meist weder schwammige Schnulzen noch feingliedrige Beziehungsporträts ins Bild setzen. Mehrheitlich verlassen sie ihr Paar im Augenblick der Eintracht. Wird schon passen! Oder auch nicht. „Undine“ nimmt das Konzept von Verantwortung jedenfalls ernst. Und deutet feministisch, was oft konservativ ausgelegt wird. Auch das ein kleines Zauberstück. Platsch.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.06.2020)