„Aus, aus, aus!“

Unbotmäßige österreichische Nazis, die Hitler hinters Licht geführt hatten, lösten den Juliputsch 1934 gegen das Dollfuß-Regime aus. So weit die bekannteste Version. Neue Forschungen legen nahe: Es könnte ganz anders gelaufen sein.

Unbotmäßige österreichische Nazis, die Hitler hinters Licht geführt hatten, lösten den Juliputsch 1934 aus. So jedenfalls lautet die Version, die Hermann Göring im Nürnberger Prozess in die Welt setzte. Aufgrund fragmentarischer, zweideutiger und zweifelhafter Quellen kam die Forschung nie so recht über Görings fragwürdige Darstellung hinaus und verlor schließlich jedes Interesse an der Frage. Hitlers Rolle blieb bislang ungeklärt; allerdings hat sich mittlerweile ein neuer Kronzeuge gefunden: Joseph Goebbels.

Dessen von 1923 bis 1945 akribisch geführte Tagebücher gelten als wichtigste Quelle für die Überlegungen und Gedankengänge Hitlers. Fragmente kursierten seit Kriegsende in unterschiedlichen Ausgaben; da das Gros der Aufzeichnungen aber bis 1992 verschollen blieb, ist eine vollständige Edition (30 gewichtige Bände) erst seit einigen Jahren verfügbar.

Ganz unproblematisch ist die Quelle freilich nicht, denn Goebbels hatte bei seinen Einträgen stets die Nachwelt im Blick, der er gerne sein ureigenes Bild der Geschichte aufgedrängt hätte. Heikles lässt er in der Regel weg oder versteckt es hinter unscheinbaren Floskeln, das kann man an Dutzenden Fällen nachweisen. Aber in kritischer Kombination mit anderen Dokumenten kommt den Goebbels-Tagebüchern einzigartige Bedeutung zu. So auch zur Geschichte des 25. Juli 1934.

Der Schlüssel zum Juliputsch ist das Hitler-Mussolini-Treffen Mitte Juni 1934 in Venedig, die erste persönliche Begegnung der späteren Verbündeten. Zu diesem Zeitpunkt gab es allerdings noch einen gewichtigen Streitfall, der die beiden trennte: die sogenannte Österreich-Frage, die folgerichtig ganz oben auf der Agenda stand. Zur Orientierung: Die Regierung Dollfuß, eine Koalition der Christlichsozialen mit der faschistischen Heimwehr und dem deutschnationalen Landbund, war 1933 sukzessive in autoritär-faschistisches Fahrwasser geraten. Um dem Druck der auf eine Regierungsbeteiligung und Neuwahlen drängenden österreichischen Nazis auszuweichen, lehnte sich Dollfuß zunehmend an Italien an. Als die österreichischen Nationalsozialisten begannen, ihren Forderungen mit Bombenterror und Mordanschlägen Nachdruck zu verleihen, wurde die Partei am 19.Juni 1933 verboten. Ihre nach Deutschland geflüchteten Führer leiteten von München aus die Terrorkampagne gegen Österreich, die bis Sommer 1934 anhielt.

Am 14. Juni 1934 fand ein erstes Vieraugengespräch zwischen Mussolini und Hitler statt, auf Deutsch, ohne Dolmetscher. Ort: der Park der königlichen Villa Pisani in Stra, rund 40 Kilometer südwestlich von Venedig. Über die Ergebnisse gab es offiziell nur dürre Kommuniqués: Die Staatsmänner hätten in großen Zügen die politische Lage besprochen und dabei weitgehend übereingestimmt, feste Abmachungen seien nicht getroffen worden.

Die internationale Presse schwirrte allerdings von Gerüchten, Mussolini habe Hitler in der Österreich-Frage substanzielle Zugeständnisse gemacht und diesem gegen eine Bekräftigung des Anschlussverbotes die Ausschreibung von Neuwahlen und eine ihrer Stärke entsprechende Regierungsbeteiligung der NSDAP unter einer „neutralen Persönlichkeit“ als Kanzler zugestanden. Bezeichnenderweise nannte der „Völkische Beobachter“ vom 17.Juni 1934 gleich den gewünschten neuen Regierungschef: den christlichsozialen, aber nazikompatiblen Anton Rintelen.

An ebendiesem 17. Juni 1934 traf der Propagandaminister auf einen „Führer“, der euphorisch von seiner Italienreise erzählte. Joseph Goebbels: „Mussolini von ganz großem Eindruck auf ihn.“ Und zu den Ergebnissen der Unterredung: „1.) Österreich: Dollfuß weg! Neuwahlen unter einem neutralen Vertrauensmann. Beide einverstanden. Wird Dollfuß mitgeteilt werden.“

Zwei Tage später bekam Alfred Rosenberg, Leiter des Außenpolitischen Amtes der NSDAP, von Hitler exakt dasselbe zu hören. Im italienischen Außenministerium sah man das freilich etwas anders, wie der deutsche Botschafter in Rom herausfand. Hitler habe Mussolini seine Vorschläge zur Bereinigung der Österreich-Frage vorgetragen, dieser habe sich alles aufmerksam angehört, aber weiter keine Stellung dazu bezogen.

Wie sind derartige Unterschiede zu erklären? Die Wahrheit könnte so absurd sein, dass man an Chaplins „Großen Diktator“ erinnert ist. Es ist wahrscheinlich, dass Mussolini – seine Deutschkenntnisse maßlos überschätzend – dem Endlos- und Schnellredner Hitler im Gespräch schlicht und einfach nicht folgen konnte. Eine These, die sich durch plausible Zeugnisse belegen lässt, so etwa die Erinnerungen des Hitler-Adjutanten Fritz Wiedemann oder des Diplomaten und Dolmetschers Eugen Dollmann.

Schwer zu sagen, was Mussolini und Hitler tatsächlich vereinbarten und wie weit die gegenseitigen Missverständnisse womöglich gegangen sein könnten. Nach dem profunden Urteil des damaligen italienischen Unterstaatssekretärs des Äußeren, Fulvio de Suvich, war der „Duce“ ein Wackelkandidat, jederzeit bereit, seine Meinung unter dem Einfluss eines Gesprächspartners um 180 Grad zu drehen. Es habe aller Anstrengungen bedurft, ihn auf Kurs zu halten.

Hitler jedenfalls kehrte im festen Glauben aus Venedig zurück, er habe Mussolinis Zustimmung zu einem „Regierungswechsel“ in Österreich erhalten. Vermutlich bezogen sich die Missverständnisse und Auffassungsunterschiede vor allem auf das Tempo, in dem die Veränderungen in Österreich Platz greifen sollten. Dass Mussolini bereit war, Österreich gegebenenfalls umstandslos fallen zu lassen, sollte er 1936 und 1938 nachdrücklich unter Beweis stellen. Seit seinen frühesten politischen Anfängen propagierte Hitler eine Allianz mit Italien gegen den, wie er meinte, gemeinsamen Erzfeind: Frankreich. In einem Manuskript aus dem Jahr 1928 (bekannt als „Hitlers zweites Buch“) sah er Österreich – ein „verjudetes“ Staatswesen, von dem er ohnehin nie etwas gehalten hatte – als eine Art Keil zwischen Italien und Deutschland. Es könne Frankreich durchaus gelingen, Österreich in sein Bündnissystem einzubeziehen; dann wäre Italien gezwungen, gegen seine eigenen Interessen zu handeln und sich auf die Seite Frankreichs und gegen Deutschland zu stellen. – Eine krude, irrationale Logik vielleicht. Aber sie bestimmte Hitlers Handeln, nachdem er an die Macht gekommen war.

Hitlers Urangst vor einer von Frankreich initiierten Einkreisung und außenpolitischen Isolation Deutschlands ist durch zahlreiche Dokumente belegt. In der berühmt-berüchtigten Geheimrede vom 3. Februar 1933 beispielsweise, in der Hitler der Reichswehrführung seine Pläne zur Aufrüstung und Eroberung von „Lebensraum im Osten“ offenlegte, fielen höchst aufschlussreiche Sätze: „Gefährlichste Zeit ist die des Aufbaus der Wehrmacht. Da wird sich zeigen, ob Frankreich Staatsmänner hat; wenn ja, wird es uns Zeit nicht lassen, sondern über uns herfallen (vermutlich mit Ost-Trabanten).“

War der französische Außenminister Louis Barthou dieser Staatsmann? Barthou, im Februar 1934 ins Amt gekommen, hatte sich nämlich sogleich energisch darangemacht, tragfähige Allianzen gegen Nazideutschland zu schmieden. Er reaktivierte Frankreichs Bündnissystem, die „Kleine Entente“ (in Hitlers Diktion „Ost-Trabanten“), und einigte sich mit der Sowjetunion im Mai 1934 auf den künftigen Abschluss eines „Ostpaktes“. Ein Menetekel für Hitler. Vermutlich war es die skizzierte Entwicklung, die ihn veranlasste, ab Frühjahr 1934 auf ein baldiges Treffen mit dem zwischen Deutschland und Frankreich schwankenden „Duce“ zu drängen. Und in der Woche nach diesem Treffen fiel aller Wahrscheinlichkeit nach Hitlers Entschluss zum Staatsstreich in Österreich.

Was könnte ihn zu diesem überstürzten Vorgehen veranlasst haben? Zweierlei: zum einen das Bekanntwerden eines bevorstehenden, halb offiziellen, halb privaten Besuchs von Dollfuß beim wankelmütigen Mussolini, der Ende Juli 1934 stattfinden sollte. (Was, wenn Dollfuß Mussolini wieder umdrehen würde?) Zum anderen Meldungen über eine baldige Reise des österreichischen Kanzlers nach Paris. Zeichnete sich da nicht die von Hitler seit je gefürchtete Konstellation Frankreich–Österreich–Italien ab, die den Einkreisungsring um Deutschland schließen würde und seine Expansionspläne im Ansatz zerstören konnte?

Besser daher, möglichst rasch und in jedem Fall noch vor Dollfuß' Reise nach Italien für klare Verhältnisse in Österreich sorgen. Es scheint plausibel, dass Hitler allen Bedenken zum Trotz auf seinem Befehl zum Putsch beharrt und dafür folgendes Argument gefunden haben soll: „Dies ist der letzte Pfeil in unserem Köcher. Wenn er nicht trifft, sind wir waffenlos.“ Die ganze Komplexität und Dramatik der für das NS-Regime überaus kritischen Situation des Frühsommers 1934 zeigt sich, wenn man bedenkt, dass Hitler in ebendieser Woche vom 18. bis zum 24. Juni den Entschluss fasste, gegen die SA-Führung um Ernst Röhm loszuschlagen. Röhm und seine Clique wurden schließlich am 30. Juni 1934 liquidiert – die vielleicht wichtigste Station Hitlers auf dem Weg zur absoluten Macht im Deutschen Reich. Denn seit Anfang Juni zeichnete sich ab, dass Reichspräsident Hindenburg nicht mehr lange leben würde. Mit der Ausschaltung Röhms konnte Hitler sich die Zustimmung des Militärs erkaufen, nach dem Tod Hindenburgs das Amt des Reichskanzlers und des Reichspräsidenten in seiner Person zu vereinen.

Beide Entschlüsse – der zum Putsch gegen Röhm und der zum Putsch gegen Dollfuß – könnten, wie so oft bei Hitler, nach monatelangem Zuwarten und Zaudern demselben Impuls entsprungen sein: sich mit überraschenden, harten Schlägen aus einer innen- und außenpolitischen Umklammerung zu befreien.

Die nationalsozialistischen Putschvorbereitungen im Juni und Juli 1934 lassen sich anhand verschiedener Quellen weitgehend rekonstruieren. Am 22. Juli – das war bisher unbekannt und ist die eigentliche Sensation der Goebbels-Tagebücher – kam es zu einer Abschlussbesprechung beim „Führer“ höchstselbst, der zu den Festspielen in Bayreuth weilte. Neben Goebbels mit von der Partie: Walter von Reichenau, der überzeugteste Nazi in der Reichswehrführung, Hitlers Österreich-Beauftragter Habicht, Österreichs SA-Führer Reschny und der „zur besonderen Verwendung des Führers“ stehende Franz von Pfeffer, ein „alter Kämpfer“, den Hitler als persönlichen Vertrauensmann in den Kreis der Putschführer abkommandiert hatte. Spekulationen, Hitler habe von dem geplanten Coup in Österreich nichts gewusst oder sei nur unzureichend informiert worden, sind damit hinfällig. Im Gegenteil: Die Detailabwicklung überließ Hitler anderen, aber alle Fäden liefen bei ihm zusammen.

Den 25. Juli erlebte Goebbels zwischen Hoffen und Bangen an der Seite Hitlers in Bayreuth. Als im Wiener Bundeskanzleramt alles schiefging und Mussolini seine Truppen am Brenner zusammenzog, brach in der NS-Führung Panik aus. Goebbels: „Die tollsten Alarmgerüchte. Am gemeinsten die Italiener. Schon Truppen an der Grenze. Gefahr einer Intervention der Großmächte.“

Als sich diese Gefahr gelegt zu haben schien, wandte sich Hitlers ganzer Zorn Italien zu, wie Goebbels sorgfältig notierte: „Es ist aus mit Italien. Die alte Treulosigkeit. Der Führer ist innerlich fertig damit. Wutanfälle gegen Italien. Aus, aus, aus! Entscheidende Wendung. Besser Treulosigkeit jetzt als in einem Kriege nochmal bestätigt.“ – Welcher Schluss bleibt, als dass Hitler nach dem Venediger Treffen eine ganz andere Haltung Mussolinis erwartet hatte?

Nach außen war Schadensbegrenzung angesagt. Hitler musste jedes Interesse daran haben, nicht mit dem blutigen Putschversuch im Nachbarland in Zusammenhang gebracht zu werden. Nach dem Desaster lautete das oberste Gebot für alle Beteiligten und Mitwisser daher: den „Führer“ um jeden Preis entlasten und keinerlei Verdacht aufkommen lassen, dieser habe irgendetwas mit der peinlichen Angelegenheit zu tun gehabt. Der sorgsam gepflegte Propagandamythos von Hitler als friedliebendem, verantwortungsbewusstem Staatsmann durfte unter keinen Umständen beschädigt werden. Diese Maske freilich verbarg nur notdürftig den skrupellosen Politgangster, der dahintersteckte. ■