Schnellauswahl
Design

Terrazzoböden: Körnchen für Körnchen ein Augenschmaus

Homogen. Peter Ebensperger setzt oft einheitliche Optiken um, hier ist die Körnung dezent.
Homogen. Peter Ebensperger setzt oft einheitliche Optiken um, hier ist die Körnung dezent.beigestellt
  • Drucken

Bei einer Designvisite offenbaren sich Terrazzoböden
als pflegeleichte Talente, die optisch glatt überzeugen. Mal cool in Weiß mit kleiner Körnung, mal mit starken Kontrasten
und großen Zuschlägen.

Mehr Historie geht kaum: Bei einer archäologischen Grabung in Anatolien ist ein feingeschliffener Terrazzoboden gefunden worden, der aus der Zeit um 7000 vor Christus stammt. Auch im antiken Rom ist man gern über den schmucken Steinboden geschritten, wie man auf terrazzo.it, der Website von dem Südtiroler Anbieter Peter Ebensperger nachlesen kann. In der Renaissance widmeten sich Venedigs Handwerker dem Terrazzo und entwickelten ihn zur Perfektion, auch heute wird der Boden in Italien geliebt und „Terrazzo alla veneziana“ genannt. Ebensperger arbeitet in dieser Tradition und verwendet daher nur Marmor und natürliche Bindestoffe. 

„Ein Terrazzoboden ist eine Entscheidung fürs Leben.“

Gabriele Pia Stuhlberge


Steinvielfalt. Die Herstellung eines Terrazzobodens basiert generell auf der Mischung von Bindemitteln wie Kalk oder Zement (es werden teilweise auch Kunstharze verwendet) und Zuschlagstoffen, Marmor, anderer Stein, Muschelschalen oder Glassplitt. Der Boden wird dann auf der Baustelle gegossen und in mehreren Schritten geschliffen. Eine homogene Steinfläche entsteht, auch visuell eine glatte Sache. Stephanie Annerl von dem österreichischen Anbieter Gierer Stein: „Erst auf der Baustelle werden die Materialien mit Wasser gemischt. Die Masse ist nicht sehr flüssig, obwohl es Gussboden heißt, sondern relativ fest. Sie wird dann mit einer Holz- oder Stahllehre abgezogen. Bei großem Korn ist auch eine größere Aufbauhöhe nötig. Diese beträgt bei unseren Böden drei Zentimeter.“ Sie ist je nach Hersteller verschieden. „Bei uns ist das Granulat nicht immer Marmor, wir verwenden viel österreichischen Stein. Wir haben in unserem Land viele schöne Steinbrüche und nehmen beispielsweise Dolomit aus Bad Vöslau, Serpentin aus dem Burgenland oder Sölker-Marmor aus der Steiermark“, erzählt Annerl. Beim Unternehmen Miromentwerk werden neben Körnungen aus Marmor auch solche aus dichtem, polierfähigen Kalkstein verarbeitet. Inhaberin und Steinmetzmeisterin Gabriele Pia Stuhlberger: „Die Gussböden werden mit einer 80 Kilogramm schweren Stahlwalze gewalzt, sie sind nahezu fugenlos.“ Zwar ist der Materialpreis nicht so hoch, so doch der Arbeitsaufwand, früher war dies genau umgekehrt.

Zartes Rosa. Das Projekt HB3 Immobilien Gruppe (hb3.at) ausgeführt von Gierer Terrazzo
Zartes Rosa. Das Projekt HB3 Immobilien Gruppe (hb3.at) ausgeführt von Gierer Terrazzomaxkropitz.com

Mit bewährten Eigenschaften. Terrazzo ist, blickt man in die nähere Vergangenheit zurück, dank seiner Pflegeleichtigkeit oft in öffentlichen Gebäuden, Bahnhöfen oder Kirchen verwendet worden, in der Gründerzeit auch in vielen Stiegenhäusern, in Wien sind sie nach wie vor zu sehen. Denn der Boden lässt sich nicht nur leicht säubern, sondern auch leicht ausbessern. „Wir restaurieren auch ganz alte Böden, die danach wieder frisch versiegelt werden und wie neu aussehen“, berichtet Ebensperger. Auch Stuhlberger weiß um frühere Verwendungen: „In Wien startete der Einsatz von Terrazzoboden um 1860 in den Ringstraßenbauten. Im Jugendstil wurde viel Terrazzo eingesetzt, auch von Otto Wagner. Klassisch war hier grauer Zement mit weißer Marmorkörnung und schwarzen Friesen.“ Denkmalschutz ist also ein Thema. 

Heute findet der Boden auch in vielen Privatküchen, Bädern und Eingangsbereichen Einsatz, das funktioniert gut, weil man ihn mit Heizung im Estrich verlegen kann. „Der Stein hat den Vorteil, dass
er Wärme lang speichert“, erklärt  Annerl, Fußbodenheizung werde bei Terrazzo daher stark nachgefragt. Für den Außenbereich ist unter gewissen Bedingungen auch eine Verlegung möglich, erklärt Stuhlberger: „Terrazzo ist teilweise frostsicher und damit für außen ebenfalls geeignet, das hängt von der Körnung ab.“ Mosaikmuster sind möglich, wenngleich auch aufwendiger in der Fertigung. Sonderwünsche seien umsetzbar, erzählt sie: „In einem Ringstraßenpalais haben wir ein Mosaik in Form eines Krokodils gelegt, rundherum im Kreis kleine Sterne aus Edelsteinen: Lapislazuli und Türkise.“ Im Eingangsbereich habe man auch immer wieder gern das Grußwort „Salve“ in den Boden „geschrieben“. 

„Das ist wie beim Kochen, wie mit dem Rezept für die Sachertorte.“

Stephanie Annerl


Dresscode Terrazzo. Manche Kunden entscheiden sich für einen Komplettlook, ein einheitliches Bild von Böden, Wand und Arbeitsplatten oder Waschtisch. Dazu werden die Platten dann passgenau vorgefertigt, erklärt Annerl, auch Stufen beispielsweise. Die Platten werden aus derselben Masse wie der Boden hergestellt, aber dann werden freilich Fugen notwendig. Ebensperger zu Optik und Vorteilen eines Gussbodens: „Bei Platten hat man nie ein so einheitliches Bild, die Oberfläche wird unruhig“, bei einem Gussboden erziele man durch das Schleifen eine homogene Optik.

Der zeitlose Boden kennt aber auch Trends, Ebensperger verortet reduzierte Farbigkeit: „Bei uns wird eher kleine Körnung mit maximal neun Millimetern verwendet, es wird sehr viel Weiß nachgefragt, Farbe verwenden wir eher nur für Bordüren. Moderne Wohnungen bekommen oft einen schneeweißen Boden.“ Stuhlberger wiederum sieht eine stärkere Nachfrage nach größerer Körnung, in Weiß, Grau, Schwarz. Annerl schließt sich dieser Einschätzung an und sieht größere Körnung ebenso im Trend. 

Maximale Körnung. Bei Marmoreal kann man Hintergrund Schwarz oder Weiß wählen.
Maximale Körnung. Bei Marmoreal kann man Hintergrund Schwarz oder Weiß wählen.dzekdzekdzek.com/Will Pryce


Mit Kunstauftrag. Ein „Ausreisser“ ist sicher das Produkt Marmoreal des Künstlers Max Lamb in Kooperation mit dem englischen Studio Dzek, das Platten mit einer extrem großen Körnung und starken Kontrastfarben anbietet. Das Designbüro entschied sich für eine Zusammenarbeit mit Lamb, da sich dieser in seiner Serie „Quarry“ mit dem Thema Stein auseinandergesetzt hatte. Hier hat er Stein geschnitten und poliert, sodass Sitz- und Abstellflächen in großen Steinstücken entstanden sind und das Material neue Qualitäten – auch des Themas Möbel – zeigt. Für Marmoreal wird nun eine zehn Tonnen schwere Blockform gegossen, die dann in Platten aufgeschnitten wird. Dadurch kann man größtmögliche Marmorzuschläge beifügen. Angeboten werden die Platten in zwei Farbgebungen: einmal Schwarz, einmal Weiß mit Körnung. Letztere besteht aus den Marmorarten Rosso Verona, Giallo Mori und Verde Alpi: für maximale Wirkung.

Beste Wirkung. Diese Größe der Marmoreinsprengsel ist nur in Plattenform umsetzbar.
Beste Wirkung. Diese Größe der Marmoreinsprengsel ist nur in Plattenform umsetzbar.dzekdzekdzek.com/Will Pryce

Terrazzorezeptur

Gierer Terrazzorezeptur, Muster „Vergiss mein nicht“
für drei Quadratmeter:

  • 12 Liter Marmormehl
  • 42  Liter Wachauer Marmor,
    5–8 mm
  • 24 Liter Wachauer Marmor,
    3–5 mm
  • 6 Liter Carrara Marmor, 3–5 mm
  • 6 Liter Carrara Marmor, 5–8 mm
  • ¼ Liter blaue Farbe
  • Weißzement

("Die Presse - Luxury Estate", Print-Ausgabe, 20.06.2020)