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Design

Ein Leben im Sitzen

Vertikaler sitzen: Hier auf dem Hocker "Totem" von Sancal.
Vertikaler sitzen: Hier auf dem Hocker "Totem" von Sancal.(beigestellt)
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Die Zeit auf Stühlen und Sesseln sollte man kurz halten, meinen Ergonomen. Und das Design könnte das Selbstverständliche wieder zum Besonderen drehen.

Sitzen ist so schön. Und manchmal sogar so bequem. Aber es hat so einen schlechten Ruf. In manchen Kreisen hat nur Rauchen einen schlechteren. Besonders seitdem Experten der Ergonomie konsequent dazwischenrufen: in die vermeintlich heile Welt der schönen Sitzgelegenheiten. Und gleichzeitig beginnen, eingesessene Gewohnheiten zu hinterfragen. Das Sitzen allein war lange Jahrhunderte ein Privileg. Siehe König und sein Thron. Und schon an diesem Sitz-Archetyp konnte man in etwa ablesen, was so Möbelstücke mit den Menschen anrichten.

In Haltungen zwingen einerseits. Aber auch in davor ungewohnte Lagen versetzen: Etwa die Umwelt, den Raum souverän zu beherrschen. Die Designhersteller haben diese Attitüde im 20. Jahrhundert professionell kultiviert. Auch durch Ästhetisierung. Worauf man sitzt, das beinflusst den, der sitzt. Aber leider, wieder ein Zwischenruf der Ergonomen, gesundheitlich gesehen nicht immer ganz positiv. Ist der Mensch doch von der Evolution her eher auf Bewegung ausgelegt.

Sitzzwänge und Sitzfreiheit. Einer der sich lang philosophisch, historisch und anthropologisch mit dem Sitzen auseinandergesetzt hat, ist etwa Hajo Eickhoff. Er hat das Wesen Mensch ein "verstuhltes" genannt. Denn Sitzen ist heute die bevorzugte Haltung während eines durchschnittlichen Tages. "Wie durch eine geheime Absprache begegnen sich die Menschen unserer Kultur immer in derselben, eigenartigen Haltung, in der Körperhaltung rechtwinklig abgeknickten Sitzens", schreibt Eickhoff in seinem Beitrag "Sitzen. Betrachtung einer bestuhlten Gesellschaft im Jahr 1997". Sitzen ist heute Mainstream. Auch ausgelöst durch einen "gesellschaftlichen Sitzzwang", wie ihn Eickhoff festgestellt hat.

Der Tiroler Experte für Ergonomie Dieter Messner sieht das genauso: "Die Staatsergonomie zwingt praktisch jeden Menschen dazu, sich per Schuleintritt mit der Gewohnheit lebenslangen Sitzens anzufreunden. Schulpflicht ist Sitzpflicht", sagt Messner. Aber gleichzeitig ist Sitzen natürlich auch so etwas wie ein Recht. Manchen wird es auch verwehrt. Auf Flughäfen etwa, weil diese nicht wollen, dass man sitzt. Sonst würde man nicht einkaufen. Oder im öffentlichen Raum. Weil die Öffentlichkeit manche soziale Randgruppen nicht erst zum Verweilen einladen will. Indem sie etwa eine Bank aufstellt. Die Designindustrie produziert hingegen eine Einladung nach der anderen. Nach jeder Möbelmesse sind es Hunderte mehr auf der Welt. Und seit den Ansätzen der Demokratisierung des Designs und der Industrialisierung seiner Produkte ist das Leben voll von unterschiedlichsten ästhetischen und funktionalen Optionen, wie man sitzen kann. Auf Luft mit dünnem Plastik drumherum, auf Holz sowieso, auf freischwingenden Stahlrohren. "Ein zivilisatorischer Evolutionssprung im 20. Jahrhundert hat die täglichen Sitzzeiten der meisten Menschen dramatisch verlängert mit üblen Folgen für die allgemeine Gesundheit", meint Messner. Man sitzt in der Schule. Und danach auf der Uni. Und danach bei der Arbeit. Vor allem bei der Arbeit. Die Hersteller wollen es den Menschen dabei bequem einrichten mit den Mitteln der Ergonomie und des Designs.