Empfehlungen

Bücher für den Sommer: Empfehlungen aus der Redaktion

Männerfreundschaften, verfolgte Mädchen und ein Crashkurs in Tudor-Ränken: Welche Romane, Krimis, Thriller und Doku-Fiktion die Rezensenten der "Presse" begeistert haben.

Unterhaltsame Lektüre und Meisterwerke der Literatur: Diese Bücher haben die Kritiker der „Presse“ im noch jungen Jahr 2020 überzeugt.

Ein Kind wird zur Beute

Das Leben ist ein Dschungel, und die gefährlichsten Tiere leben in der eigenen Familie. Das muss die zehnjährige Ich-Erzählerin erkennen, deren Leben nur nach außen hin idyllisch wirkt. Denn der Vater ist nicht nur ein passionierter Jäger, sondern auch ein sadistischer Schläger, der kleine Bruder rutscht nach einem Unfall immer mehr in Richtung Psychose ab, und die Mutter flüchtet vor der Realität in eine manische Tierliebe. Bald wird der Überlebenskampf für das Mädchen real, sie selbst wird im wahren Sinn des Worts zur Beute. Die Entschlossenheit, mit der sie sich inneren und äußeren Herausforderungen stellt, macht "Das wirkliche Leben" zu einer packenden und trotz allem hoffnungsvollen Lektüre. (DO)

Adeline Dieudonné: Das wirkliche Leben. Übersetzt von Sina de Malafosse, dtv, 240 Seiten, 18,50 Euro

Drei Männer und ihre Vergangenheit

Drei Collegefreunde, mittlerweile Mitte 60, treffen sich nach mehr als 40 Jahren auf Martha's Vineyard, der Nobelferien-Insel vor der Küste von Massachusetts. Sie gehen dort noch einmal dem Verschwinden ihrer gemeinsamen Freundin Jacy an einem Sommerwochenende nach. Richard Russo lässt das Leben der drei Freunde Revue passieren und versucht Jacys Geheimnis zu ergründen, die in jenem Sommer ihren langweilige Verlobten heiraten wollte. Klar, dass alle Drei in sie verliebt waren.

Mickey, einer der Freunde, entzog sich nach diesem Wochenende  dem Dienst im Vietnamkrieg durch die Flucht nach Kanada und kehrte erst Jahre später als Sänger einer Rockband wieder in die USA zurück. Ein Plot wie maßgeschneidert für die Strandlektüre. Die einzige Schwäche: der deutsche Titel (im Original lautet er: "Chances are…"). (vier)

Richard Russo: Jenseits der Erwartungen. Übersetzt von Monika Köpfer. Dumont, 432 Seiten, 22 Euro.

Crashkurs in Tudor-Ränken

Sechs Jahre mussten sich deutschsprachige Fans von Hilary Mantel gedulden, bis im März 2020 „Spiegel und Licht“ erschien, der abschließende Teil ihrer Trilogie über Aufstieg und Fall Thomas Cromwells am Hofe Heinrichs VIII. Es ist erneut ein Meisterwerk geworden. Das Konzept der Romanreihe ist bestechend einfach: Erzählt wird aus der personalen Perspektive des 1485 geborenen Protagonisten. Die Ausführung des Romans ist höchst vielschichtig und virtuos, mit einer Dramatik, die an William Shakespeares Historien erinnert - ein Crashkurs in Tudor-Ränken. Cromwell, Sohn eines brutalen Schmiedes und Bierbrauers aus Putney, ist als Söldner und Kaufmann weit gereist, bringt es zum einflussreichsten Berater des Königs, setzt bedeutende Reformen in Gang, avanciert zum Führer der Protestanten, zum Earl of Essex und Lord Great Chamberlain.

Neben ihm stehen Heinrichs Frauen im Mittelpunkt. Mit ihnen wird Politik gemacht, in dieser Achsenzeit der Reformation, in der die Ursprünge englischer Weltmacht liegen. Die Machtspiele sind riskant und oft tödlich. Der opake Held vermittelt Einblicke in alle Schichten der Gesellschaft. (norb)

Hilary Mantel: Spiegel und Licht. Übersetzt von Werner Löcher-Lawrence. Dumont, 1104 Seiten, 32 Euro.

Crime noir in der Prärie von Kansas

Alt, aber keineswegs eine Last: Seit mehr als 40 Jahren schickt die amerikanische Krimi-Autorin Sara Paretsky ihre selbstbewusste und schlagkräftige Privatdetektivin V. I. Warshawski in den Kampf gegen das Verbrechen. Diesmal verschlägt es V. I. auf der Suche nach einer alten schwarzen Schauspielerin und einem jungen Filmemacher in die weite Prärie von Kansas. Die gesuchten Personen findet Warshawski zwar nicht, dafür aber alles, was die Welt im allgemeinen und die USA im besonderen gerade umtreiben: hartnäckigen Rassismus und gefährliche Erreger. Crime noir wie es sein soll. (DO)

Sara Paretsky: Altlasten. Übersetzt von Laudan & Szelinski, Ariadne im Argument Verlag, 540 Seiten, 24,70 Euro

 

Eine junge Frau im Nordirland-Konflikt

Die Jury des „Man Booker Prize“ bezeichnete den „Milchmann“ als "stilistisch vollkommen unverwechselbar", und das ist er - vom ersten Satz weg. "Der Tag, an dem Irgendwer McIrgendwas mir eine Waffe auf die Brust setzte, mich ein Flittchen nannte und drohte, mich zu erschießen, war auch der Tag, an dem der Milchmann starb." So beginnt die Erzählung der jungen Frau, die von einem älteren Mann verfolgt und bedrängt wird, einem hochrangigen Paramilitär. Was in ihrer Umgebung, bei den bornierten, katholischen Verwandten und Nachbarn, völlig falsch interpretiert wird.Anna Burn' Roman zeichnet wütend, witzig, lapidar eine absurd brutale Welt, in der ein selbstbestimmtes Leben beinahe unerreichbar scheint: Nordirland in den 70er Jahren, am Höhepunkt des Konflikts. Ein großartiges Gesellschaftsporträt. (rovi)

Anna Burns: Milchmann. Übersetzt von Anna-Nina Kroll, Tropen Verlag, 452 Seiten, 25,80 Euro

Ein Abgesang auf Englands Mitte

Der ideale zeitgeschichtliche Roman nimmt ein aktuelles Ereignis, analysiert es durch die Augen interessanter und lebendiger Charaktere und lässt den Leser weiser und reicher zurück, wenn auch nicht immer fröhlicher. Genau das ist Jonathan Coe mit "Middle England" gelungen, seiner Aufarbeitung der Brexit-Genese. Über einen Zeitraum von acht Jahren zeichnet Coe die sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungen im englischen Herzland nach, die zum Austritt aus der EU führten. Die vielen und vielschichtigen Personen liefern ein breites Spektrum an Meinungen und Schicksalen und zeigen, wie sehr dieses Thema bis heute nicht nur das Land, sondern auch viele Familien entzweit. DO

Jonathan Coe: Middle England. Übersetzt von Cathrine Hornung und Dieter Fuchs, Folio Verlag, 480 Seiten, 25 Euro

Männer wollen bloß ein hübsches Gesicht

Ayoola ist eine unglaublich schöne Frau, der die Männerwelt zu Füßen liegt. Oder um es in den Worten ihrer Schwester Korede, der Erzählerin, zu sagen: "Sie hat den Körper einer Musikvideo-Sexbombe, einer sündhaften Frau, eines Sukkubus. Er straft ihr engelsgleiches Gesicht Lügen." Bloß hat diese Sexbombe eine schlechte Angewohnheit - sie tötet ihre Männer. Die nigerianisch-britische Autorin Oyinkan Braithwaite hat mit "Meine Schwester, die Serienmörderin" eine erfrischende Mischung aus fesselndem Thriller und scharfzüngigem Gesellschaftsporträt geschrieben. Ein Debüt, das auf die Longlist des renommierten "Booker Prize" kam. (phu)

Oyinkan Braithwaite: „Meine Schwester, die Serienmörderin“. Übersetzt von Yasemin Dincer, Blumenbar Verlag, 239 Seiten, 20,60 Euro.

Im lederner Sack des Schweigens

Eine ernüchternde Erkenntnis: „Das Volk tut, was es muss.“ So wählt es zum Beispiel die wieder, die es berauben. Warum? Weil es „auch von den anderen beraubt wird“ – und besser dran ist, wenn es nur einmal „zertreten und beraubt“ wird. Diese Lehre gibt in Ivana Sajkos „Familienroman“ die Mutter der Ich-Erzählerin mit auf den Weg. Und der ist beschwerlich genug in diesem kurzen 20. Jahrhundert, insbesondere am Westbalkan, wo man alle paar Jahre in einem anderen Staat lebte, gerade wenn man sich nicht vom Fleck bewegte. 50 Jahre kroatischer Geschichte, von 1941, als der Unabhängige Staat Kroatien ausgerufen worden war, bis 1991, dem Beginn der jugoslawischen Sezessionskriege, erstreckt sich die Handlung.

Man kann den Roman der 1975 in Zagreb geborenen Autorin dem heute so beliebten Genre der Doku-Fiktion zurechnen. Gerecht wird man ihm damit nicht, da er neben dem Faktischen einige wunderbare poetische Passagen birgt, die die Lyrikerin und Dramatikerin erkennen lassen. Außerdem erzählt sie die historischen Ereignisse entlang einer Familiengeschichte, was die dürren Daten mit menschlichen Empfindungen verknüpft. Auf diese Weise kommt uns die grausame jugoslawische Geschichte des vorigen Jahrhunderts sehr nahe. (hak)

Ivana Sajko: Familienroman. Die Ereignisse von 1941 bis 1991 und darüber hinaus. Aus dem Kroatischen von Alida Bremer. Voland & Quist Verlag, 176 Seiten, 20,50 Euro.

Die vielen Gesichter der Wahrheit

Wie ein U-Boot sieht er aus, der große Sauerstofftank, in den sich einige Bewohner aus Miracle Creek immer wieder begeben, zur Überdrucktherapie. Doch eines Tages fliegt der Tank in die Luft, der kleine Henry stirbt ebenso wie die fünffache Mutter Kitty. Und schnell ist eine Täterin gefunden: Henrys Mutter Elizabeth, die genau an jenem Nachmittag nicht mit im U-Boot und mit ihrem autistischen Sohn überfordert war. Angie Kims sehr empfehlenswerter Debütroman „Miracle Creek“ setzt am Tag eins des Mordprozesses gegen Elizabeth ein, schnell wird klar: Nichts ist, wie es scheint, auch die Zeugen haben das eine oder andere Geheimnis.

Ein spannender Gerichtsthriller, der neben der Frage um Schuld und Unschuld tiefer geht und sich auch anderen großen Themen – der Bedeutung der eigenen Familie, der Überforderung mit der Betreuung behinderter Kinder, den unerfüllten Hoffnungen von Einwanderern in den USA – widmet. (mpm)

Angie Kim „Miracle Creek“. Hanserblau, 512 Seiten 22,70 Euro

Historischer Wien-Krimi

Wer August Emmerich, den grantigen-gutherzigen Inspektor der Abteilung Leib und Leben, noch nicht kennt, sollte in diesem Sommer seine Bekanntschaft machen. Im vierten Teil ihrer historischen Krimi-Reihe aus dem Wien der frühen 1920er Jahren gibt die gebürtige Vorarlbergerin Alex Beer ihrem Helden einiges aufzulösen: Einerseits muss der sozial unverträgliche Emmerich an einem mysteriösen Benimm-Kurs teilnehmen, andererseits hat er einen grausigen Doppelmord an zwei jungen Frauen aufzuklären, dessen Spuren sich bald in den höchsten politischen Kreisen Wiens verlieren. So spannend kann Geschichte sein. (DO)

Alex Beer: Das Schwarze Band. Limes Verlag, 352 Seiten, 20,90 Euro