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Reisekrise, Teil neun

Unterwegs. Der Autor reiste nach Pilsen, sein Koffer indes drehte Runden in Wien in der Tram. Die neuen Reisebestimmungen lassen uns schnell das Weite suchen. In der Nähe.
Unterwegs. Der Autor reiste nach Pilsen, sein Koffer indes drehte Runden in Wien in der Tram. Die neuen Reisebestimmungen lassen uns schnell das Weite suchen. In der Nähe.PLzen Prazdroj
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Der Sommer der Freiheit beginnt ohne Koffer, aber mit Kaffee und "Soviette"

Das ist die neunte und letzte Krisenkolumne. Schlussstrich, wir tun so, als wäre Covid verschwunden. Der Sommer lacht uns an. Der eine oder die andere wird noch beatmet? Egal, bitte sehr. Wir klagen lieber über den Mund-Nasen-Schutz, als wäre dieser an einer Weltwirtschaftskrise schuld. Die Seuche, sagte irgendjemand (wer nur?), sei hiermit beendet, die Reisefreiheit Europas - sollte man sie Tourismusfreiheit nennen?  - wieder hergestellt. Das ging einfach und zügig. Ich stelle mir lebhaft einen Wirtschaftsführer des Landes hinter geschlossenen Türen vor: "Die Gutmenschen haben uns auf dem falschen Fuß erwischt. Gesundheit wichtiger als Wachstum? Respekt, ein genialer Schachzug! Ich schwör bei meiner Wirecard-Aktie, das passiert uns nie wieder. Sag ich auch dem Sebastian immer. Der Staat kommt für unseren Profitausfall Länge mal Breite auf. Rache ist süß!"

Ich schreibe Ihnen diese Zeilen auf meiner ersten Pressereise nach vier Wien-Monaten. Ich fahre nach Pilsen, Tschechische Republik, wo man in Geschäften noch Mund-Nasen-Schutz trägt, die dortigen Regelungen sind behutsamer. Ich fühle mich denkbar unbeschwert: Vor einer Dreiviertelstunde habe ich meinen Koffer in der Wiener Straßenbahnlinie 18 stehen lassen. Dort dreht er jetzt unverzagt seine Runden. Falls ihn niemand plündert, kommt er morgen ins Fundbüro. Gepäck weg, Corona vorbei, mein Sommer der Freiheit kann beginnen! Draußen regnet es tschechische Schusterjungen.

Die deutschkonservative Wochenzeitung "Volksfreund" vermeldete am 7. Dezember 1913, dass eine Reisevorgängerin von mir, die 19-jährige Bauerstochter Marie Saller, auf der Zugfahrt nach Pilsen "beim Hinausschauen aus dem Kupeefenster in der Fahrtrichtung nach vorne plötzlich erblindet" sei. Erstmals im Leben beruhigt mich, dass in den heutigen coup losen Railjets die Fenster geschlossen bleiben. Ich bin froh, wieder unterwegs zu sein. Der Schaffner bringt mir echte Milch zum Kaffee, er geht dafür extra zum Speisewagen. Seine Freundlichkeit stammt aus dem vorigen Jahrhundert. Er reicht mir auch eine "Soviette".

(Die Presse - Schaufenster", Print-Ausgabe, 15.05.2020)