Stresstests haben weitreichende politische Folgen

Die erstmalige Veröffentlichung der Belastungstests wird Politik und Banken Kopfzerbrechen bereiten.

BRÜSSEL. Am 2.Oktober 2009 war Josef Pröll ein zufriedener Mann. Die Lage der Banken habe sich als „robuster als ursprünglich angenommen“ herausgestellt, sagte der Vizekanzler und Finanzminister nach dem informellen Treffen mit seinen 26 Amtskollegen in Göteborg. Das hätte der soeben fertiggestellte Belastungstest von 22 großen europäischen Banken gezeigt. Keine einzige davon habe weniger als acht Prozent Eigenkapital. „Es gibt einen Puffer“, frohlockte Pröll. Von einer Veröffentlichung der 22 einzelnen Ergebnisse hielt er wenig. Die Einhaltung der Diskretion in dieser Frage habe sich als richtig erwiesen.

 

Lange Nacht der Zombie-Banken

So kann man sich irren. Denn während sich Bankenbosse, Politiker und Finanzaufseher noch gegenseitig für die gelungene Simulation einer neuen schweren Wirtschaftskrise und deren Folgen für 22 Banken auf die Schultern klopften, kippte der griechische Staatshaushalt nach jahrelanger Vertuschung doch über die Klippe der Finanzmärkte. Die Griechenland-Krise wurde flugs zur Eurokrise und bald zur schwersten politischen Krise der gesamten Union seit Jahrzehnten – und ließ es bald klar werden, dass ein geheim gehaltener Test mit nur 22 Banken wenig bis gar nichts über die Gesundheit des Bankensektors aussagt.

Es folgte ein monatelanger Eiertanz. Die Finanzminister leugneten bis zuletzt das Offensichtliche: dass nämlich ein Gutteil der Geldinstitute, allen voran die spanischen Sparkassen, das eine oder andere irische Institut, die griechische Bankenbranche und so manch deutsche Landesbank in Wahrheit klinisch tot sind und nur durch Bilanzkosmetik und Staatshilfen aufrecht gehalten werden.

Also nichts mit „robuster als angenommen“, wie Pröll im Oktober gejubelt hatte: Europa erlebt die lange Nacht der Zombie-Banken.

Das ist fatal. Denn das Bankengeschäft besteht im Kern darin, Risiken richtig einschätzen zu können. Also zu wissen, wem man Geld zu welchem Preis leihen kann. „Kredit“ kommt vom lateinischen „credo“: „ich glaube“. Vertrauen ist des Bankiers Leitwährung. Ihr Kurs schoss ins Bodenlose. Knapp sechs Billionen Euro betragen die gegenseitigen Forderungen der Banken. Wie viel davon mag uneinbringlich sein?

 

Zapateros Befreiungsschlag

Als Anfang Juni die Meldung, Spanien müsse wegen seiner kaputten Sparkassen nach griechischem Vorbild bei der EU um Geld betteln, auf dem Gerüchtekarussell eine Runde nach der anderen drehte, zog Ministerpräsident José Luís Zapatero die Notbremse.

Er forderte eine Ausweitung der Stresstests auf mehr Banken sowie eine Veröffentlichung der einzelnen Resultate. Licht ist halt das beste Desinfektionsmittel.

Und so sind es nun 91 statt wie ursprünglich 22 Banken, und sie müssen ihre Zeugnisse dem gestrengen Auge der Finanzmärkte präsentieren. Ob das der Wahrheitsfindung dient oder eine Augenauswischerei ist, bleibt strittig.

 

Die Geister, die sie riefen

Unstrittig ist aber, dass die Offenlegung der Resultate Politiker, Aufseher und Banker vor unangenehme Fragen stellt. Die wichtigste davon stellt Daniel Gros, der Leiter des Brüsseler Forschungsinstituts Ceps: Wie lange kann Europas Bankenaufsicht noch auf der Annahme beruhen, dass Euro-Staatsanleihen risikolos sind, wenn die Aufseher gleichzeitig im Stresstest annehmen, dass 23 Prozent der Forderungen gegen Griechenland uneinbringlich sind? Und müsste man die Europäische Zentralbank, mit Anleihen von Griechenland, Spanien, Portugal und Irland im Wert von rund 200 Milliarden Euro in den Büchern, nicht auch einem Stresstest unterziehen?

Die Geister, die Europas Politiker mit der Veröffentlichung riefen, werden sie nicht mehr los.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.07.2010)