Experte: „Die Ergebnisse hätte man geheim-halten sollen“

Bankexperte Wolfgang Gerke kritisiert die hohe Transparenz beim Banken-Stresstest. Das Resultat sei nur als Beruhigungspille gedacht – und nicht dazu, die Institute krisenfester zu machen.

„Die Presse“: Der Stresstest ist für Europas Großbanken größtenteils positiv ausgefallen. Sind die Ergebnisse wirklich aussagekräftig?

Wolfgang Gerke: Dieser sogenannte Stresstest ist lediglich als Beruhigungspille für die Märkte gedacht. Es ist aber kein Stresstest, der diesen Namen auch verdienen würde. Die Krisenszenarien sind viel zu mild angesetzt. Das liegt hauptsächlich daran, dass der Test zu transparent und für die Öffentlichkeit einsehbar ist.

Sie kritisieren die hohe Transparenz. Gerade die wird von den meisten Experten aber gelobt.

Gerke: Die hohe Transparenz führte dazu, dass die Stressszenarien abgemildert wurden, um ja keine Schocks in den Märkten auszulösen. Es wäre besser gewesen, wirklich harte Krisenszenarien anzunehmen, die Ergebnisse nur den Nationalbanken und Aufsichtsbehörden mitzuteilen, und nicht der Öffentlichkeit. Die europäischen Bankaufseher wollten mit den Ergebnissen aber nur zeigen, wie die Banken dastehen.

Wie schaut ein Stresstest aus, der diesen Namen auch verdient?
Gerke:
Ein „richtiger“ Stresstest legt die Risken der Banken offen. Auf Basis dessen können die Institute krisenfester gemacht werden. Das erreicht man aber nur, wenn man beim Test wirklich düstere Marktszenarien annimmt.

Der europäische Stresstest nahm an, dass griechische Staatsanleihen um rund 20 Prozent einbrechen.

Gerke: Wenn die Testergebnisse dazu führen sollten, die Banken sicherer zu machen, müsste man einen Totalausfall annehmen.

Den Belastungstest haben jene Banken bestanden, die ihre Geschäfte im angenommenen Krisenszenario mit einer Eigenkapitalausstattung von mindestens sechs Prozent unterlegen konnten. Ist das eine ausreichende Quote?

Gerke: Mit den sechs Prozent ist man den „weichen“ Weg gegangen. Mir wäre lieber gewesen, man hätte die geforderte Kernkapitalquote – wie vorgesehen – bei acht Prozent belassen und stattdessen die Ergebnisse geheimgehalten.

In Deutschland ist nur die Hypo Real Estate (HRE) durchgefallen. Die krisengeschüttelten Landesbanken haben bestanden.

Gerke: Die HRE ist bereits verstaatlicht, ihr werden demnächst Milliarden an toxischen Wertpapieren ausgelagert. Das weiß jeder. Die europäischen Behörden haben es daher leicht, die HRE durchfallen zu lassen, ohne beunruhigende Reaktionen befürchten zu müssen. Anders wäre es bei der Postbank gewesen, die auch strauchelt. Ließe man die durchfallen, würden sich die Märkte Sorgen machen.

Die US-Stresstests im Mai 2009 waren auch relativ mild und zur Beruhigung der Märkte gedacht. Nachdem die Ergebnisse veröffentlicht worden waren, stiegen die Börsen beständig an.

Gerke: Die großen, professionellen Investoren waren doch nicht so blöd, auf diesen Stresstest zu vertrauen. Sie haben damals deswegen investiert, weil die großen Banken schon wieder Milliardengewinne im Investmentbanking machten.

Sie sprechen davon, dass man die Banken krisenfester machen muss. Droht bald die nächste Finanzkrise?

Gerke: Es gibt eine höhere Krisenwahrscheinlichkeit. Das liegt an den computergesteuerten Handelssystemen. Heutzutage werden die Börsenorders zu 50 Prozent nicht mehr von Menschen eingegeben, sondern von Softwareprogrammen. Diese greifen auf statistische Daten zurück und kommen daher alle zu ähnlichen Kauf- bzw. Verkaufsentscheidungen. Dadurch entsteht Herdenverhalten, es baut sich sehr schnell Euphorie auf, die genauso rasch in Panik umschwenken kann. Die nächste Krise kommt daher bestimmt.

Wie sollen die Banken vorsorgen, um die nächste Krise zu überstehen?

Gerke: Es sind Regelungen notwendig, damit kurzfristige, riskante Geschäfte der Banken mit mehr Kapital unterlegt werden müssen. Die großen Banken sollten auch einen Teil ihrer Gewinne in einen Rettungsfonds legen müssen. Damit könnten sie nicht die gesamten Gewinne in Form von Dividenden und Bonuszahlungen ausschütten. Die Steuerzahler müssten bei der nächsten Krise nicht wieder zur Kasse gebeten werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.07.2010)