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ESC-Film auf Netflix

Noch schriller als der Song Contest

Pathos und Mut zur Lächerlichkeit: Will Ferrell und Rachel McAdams als isländisches ESC-Team.Elizabeth Viggiano/NETFLIX
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Aberwitzige Bühnenoutfits, grelle Songs, große Träume: In einer neuen Netflix-Komödie parodiert der US-Komiker Will Ferrell liebevoll den Eurovision Song Contest.

Ob sie Bruder und Schwester sind? Die Frage hören Lars und Sigrit oft, „wahrscheinlich nicht“ antworten sie dann – aber ganz sicher ist das nicht in einem Fischerdorf, in dem Lars' „extrem gut aussehender“ Vater (Pierce Brosnan) die Gene der jüngeren Generation entscheidend mitgeprägt hat. Fröhlich werden hier die Island-Klischees aufgefahren: Tagsüber bitten die Leute mit Opfergaben um die Gunst der Elfen oder beobachten die Wale, die perfekte Pirouetten drehend aus dem Hafenwasser grüßen, nachts wird in der einzigen Bar gesoffen und gepöbelt. Gern gegen Lars (Will Ferrell), der ohne realistische Chance auf Verwirklichung an seinem Bubentraum arbeitet: Mit der naiven Sigrit (Rachel McAdams) will er den Eurovision Song Contest gewinnen. Das Lied dafür hat er schon komponiert, die Kostüme – darunter eine weiße Latex-Hülle, eine Socke zum Schritt-Ausstopfen und silberner Lippenstift – liegen bereit. Fehlt nur noch der Durchbruch!

Der US-Filmkomiker Ferrell, Spezialist für peinliche, patscherte Sonderling-Rollen, nimmt sich also des ESC an, dieses (nicht nur aus amerikanischer Sicht) bizarren Rituals des Trash und Pathos, das es so wohl nur in Europa geben kann. Die Idee soll ihm, der mit einer Schwedin verheiratet ist, schon vor 20 Jahren gekommen sein. Die Netflix-Komödie „Eurovision Song Contest: The Story of Fire Saga“ (Regie: David Dobkin) wäre eigentlich zum heurigen Liederwettstreit herausgekommen, nach der Absage soll sie nun als eine Art Trostzuckerl für Fans dienen: Eine wohlmeinende Slapstick-Parodie, die wacker versucht, den Song Contest in Sachen schriller Überdrehtheit noch zu übertreffen – was nur momentweise gelingt. Dazwischen hat der überlange Film, der auch noch eine Romanze und einen Vater-Sohn-Konflikt miterzählen will, einige fade Strecken.

Sang- und Tanzorgie mit Conchita

Immerhin: Eine Reihe witziger Besetzungen und Gastauftritte echter ESC-Stars halten bei Laune. Das Kandidatenfeld wird hier als eingeschworene Community porträtiert, die bei einer Party im Anwesen des russischen Teilnehmers Alexander Lemtov (treffsicher: Dan Stevens aus „Downton Abbey“) in eine Sang- und Tanzorgie ausbricht: Da trällern dann auch Netta (Israel, 2018) und Conchita Wurst in Glitzercape und Perlenhöschen zum Eurodance-Beat.

Eine große Familie: Die ESC-Community mit Conchita und Rachel McAdams als naive Sängerin der fiktiven isländischen Kombo "Fire Saga".Jonathan Olley/NETFLIX

Die ESC-Show selbst, zu der es das isländische Team schafft, nachdem alle anderen Kandidaten des Landes (darunter Demi Lovato als platinblonde Siegeshoffnung) bei einer Partyboot-Explosion gestorben sind, ist eine fachkundig inszenierte Best-of-Parade typischer ESC-Momente: Es gibt einen Faschingsdämon mit Grunzstimme und Stachelumhang. Einen schnippenden Schönling im weißen Anzug, der bei seiner R&B-Nummer „ohne ersichtlichen Grund weint“, wie ein Kommentator (BBC-Talkmeister Graham Norton) festhält. Fliegende Hamsterräder und wallende Gewänder (eine gefährliche Kombination). Und den Russen Lemtov im goldbestickten Mantel, der„I'm a lion lover“ singt und dabei mit der Peitsche seine halb nackten Tänzer streichelt. Nein, subtil ist hier nichts!

„Eurovision Song Contest: The Story of Fire Saga“ läuft seit Freitag auf Netflix.

Eurovision Song Contest: The Story of Fire Saga[QKJB7]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2020)