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Belgien, Kongo und postkoloniale Paradoxien

60 Jahre nach dem Ende ihrer Kolonie haben die Belgier keine Vision dafür, wie sie eine beiderseits vorteilhafte Beziehung mit den Kongolesen gestalten könnten.

Heute vor 60 Jahren wurde die Demokratische Republik Kongo unabhängig, endeten knapp acht Jahrzehnte kolonialer Brüsseler Herrschaft. Gibt es viel zu feiern? Einerseits zweifellos: was von 1882 bis 1960 unter belgischer Verantwortung, bis hinauf ins Königshaus, in Zentralafrika geschah, war eine Schande. „Sie haben mir die Korruption beigebracht“, warf der Diktator Mobutu den Belgiern entgegen, als er ihre Besitztümer enteignete und unter seinen Günstlingen verteilte. Und er hatte damit Recht. Drei Tage vor der Unabhängigkeit verfügte der letzte belgische Gouverneur Eyskens, dass sämtliche bisher formal kongolesischen Unternehmen, allen voran die mächtige Union minière, an Belgien übertragen wurden. „Das Land war dann völlig rasiert, entleert“, sagte der kongolesische Historiker Jean Omasombo dieser Tage zur belgischen Zeitung „Le Soir“. Die Belgier setzten jenen Wurm in den Apfel, der noch heute dieses rohstoffreiche Land aushöhlt.

Doch andererseits gibt es wenig Grund zu feiern, wenn man sich diese sogenannte Demokratische Republik ansieht. Ihre 500 Parlamentsabgeordneten beschlossen vor zwei Wochen, ihre Gehälter von 5000 auf 7000 Dollar pro Monat zu erhöhen. Gewählt sind sie nicht, sondern gemäß den Wahlvorschlägen der Parteien von der Wahlkommission ernannt. Demokratisch? Republik? Ein Hohn! Doch es gibt auch Zeichen der Hoffnung. Vorige Woche wurde Vital Kamerhe, der mächtige Kabinettschef von Kabilas Nachfolger Félix Tshisekedi, wegen Veruntreuung von rund 48 Millionen Dollar Staatsvermögen im Zusammenspiel mit einem libanesischen Geschäftemacher zu 20 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Und Belgien? Das hat es nicht vollbracht, eine gleichermaßen profitable wie anständige Beziehung zu Kinshasa aufzubauen. Den großen Reibach machen im Kongo Chinesen und Amerikaner. Und so lenkt die überfällige Beschäftigung mit ihrer Vergangenheit die Belgier davon ab, sich zu überlegen, wie sie eine beiderseits vorteilhafte Zukunft mit den Kongolesen gestalten könnten.