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Musik

Eine Wienerin erobert die Jazzwelt

Spiritual Jazz boomt, auch dank Stars wie Kamasi Washington. Muriel Grossmann ist hier eine Pionierin: Sie verfolgt die alten Meister schon länger.Laura G. Guerra
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Die Wiener Jazzsaxofonistin Muriel Grossmann, die auf Ibiza lebt, hebt zur internationalen Karriere an. Ihre Spielart von Spiritual Jazz ist von höchster Dringlichkeit.

Für europäische Musiker ist es so etwas wie die Erhebung in den Adelsstand, wenn eines der Londoner Independent-Labels auf einen aufmerksam wird. Und das passiert eher, wenn man sich rar macht. Wie Muriel Grossmann, die 1971 in Paris geborene, dann in Wien aufgewachsene Saxofonistin, die seit 2007 auf Ibiza residiert und werkt.

Gerald Short, der einst einen kleinen Laden in Camden Lock betrieb, zählt mit seinem Label Jazzman zu den eifrigsten Liebhaberlabels, die die Welt mit musikalischen Delikatessen versorgen. „We dig deeper“ ist seine Losung. Das tat er im Falle Grossmanns, einer Pionierin des aktuellen Booms des Spiritual Jazz. 2019 brachte er Radio Edits von langen Nummern wie „Golden Rule“ als Single heraus. Die Verkürzung war nicht jedermanns Sache, aber die Single hat das Interesse an einer Künstlerin geweckt, die abseits des großen Betriebs arbeitet.

Und das recht emsig. Seit 2007 nahm sie neun Alben auf ihrem Label Dreamlands auf, ab 2018 folgten weitere zwei Werke auf RR Gems. Nun hat Short das eindringliche Album „Elevation“ herausgebracht, das Stücke von 2016 und 2017 kompiliert. Im Herbst soll ein weiteres Opus folgen. Grossmann, die ursprünglich Veterinärmedizin studiert hat, verfolgt schon länger als Kamasi Washington und Shabaka Hutchings, die den Spiritual Jazz wieder populär gemacht haben, die Musik der alten Meister. Allen voran John Coltrane, aber auch Pharoah Sanders, Archie Shepp und Albert Ayler.

Sie lockt in eine belebende Trance

Das färbt auf ihren intensiven Ton und auf ihre Architektur der langen Bögen ab. Gern improvisiert sie zu exotisch klingenden, vorab aufgezeichneten „Drones“: Das sind dichte, polyrhythmische Klangteppiche mit afrikanischen und indischen Instrumenten wie Kalimba, N'Goni, Krakebs, Balafon, Sarangi und Tambura, aber auch mit Piano und Bass. Mit diesen Mitteln lockt sie in einen Bewusstseinsraum jenseits schnöder Wachheit. Aber Meditation bewirkt sie auch nicht. Es ist eher so, dass der lebhafte Puls der Musik und die Intensität des Saxofonklangs in eine Art belebende Trance geleiten.

Grossmann ist nicht die einzige Jazzkapazität auf der balearischen Insel. Auch der deutsche Pianist Joachim Kühn, der mit Free-Jazz-Granden wie Ornette Coleman und Archie Shepp gearbeitet hat, wohnt dort. Die beiden haben sich angefreundet. Vielleicht gibt es ja dereinst eine Zusammenarbeit. Bis dahin spielt Grossmann wohl mit ihren Stammmusikern weiter. Neben Gina Schwarz am Bass sind das Radomir Milojkovic an der Gitarre und Uros Stamenkovic am Schlagzeug. Egal, in welche wilden Landschaften es musikalisch auch geht, die vier vertrauen einander. Die zarte Anmutung von „Chant“, die Flamboyanz in etwas rescheren Stücken wie „Rising“, das alles klingt sehr authentisch. Mit der Steighilfe des britischen Labels Jazzman wird Muriel Grossmann wohl bald in den Zentren des Jazz ein Begriff sein. Hoffen wir, dass sie dann noch im Porgy & Bess zu spielen bereit ist.

Muriel Grossmann: „Elevation“ (Jazzman Records)

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.07.2020)