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Gesundheit

Jeder zweite Österreicher betroffen: Anschober will Lücken in psychischer Versorgung stopfen

++ HANDOUT ++ PK ´PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN ÖSTERREICH UND AUSWIRKUNGEN DURCH CORONA´: KARMASIN / ANSCHOBER / WIMMER-PUCHINGER
(c) BUNDESKANZLERAMT/REGINA AIGNER (REGINA AIGNER)
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Der Gesundheitsminister will das Angebot und die Ressourcen für die Behandlung psychischer Erkrankungen ausbauen. Eine Studie und nicht zuletzt die Coronakrise hätten den Bedarf offen gelegt.

Es gibt viele, die Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) in der Coronakrise eine gute Leistung attestiert haben. Aber wenn ihm „großer Applaus und virtuelle Rosen“ in einer Pressekonferenz gestreut werden, dann muss er etwas besonders richtig gemacht haben. Und das hat er, wenn man Beate Wimmer-Puchinger, die Präsidentin des Berufsverbands für Psychologen, fragt. Ihre Freude war nicht zu verkennen, dass „ein Gesundheitsminister endlich die Psyche in den Fokus rückt.“ 

Die Coronakrise habe nicht nur die Stärken, sondern auch die Lücken des österreichischen Gesundheitssystems sichtbar gemacht, sagte Anschober in einer gemeinsamen Pressekonferenz am Mittwochvormittag. Nun wolle er „ernst machen", und die Gleichstellung von psychischen und physischen Erkrankungen erreichen. Für jeden Betroffenen müsse es einen leistbaren, finanzierbaren Zugang zu einer Behandlung geben.  

Jeder zweite Österreicher betroffen

Dass Handlungsbedarf besteht, zeigte eine repräsentative Umfrage, die im März - kurz vor Ausbruch der Coronaepidemie in Österreich - durchgeführt wurde: „Jeder zweite Österreicher hat bereits an einer psychischen Erkrankung gelitten“, erklärte Meinungsforscherin Sophie Karmasin eines der Hauptergebnisse der Studie. „Wir gehen davon aus, dass sich alle Themen in Zusammenhang mit psychischer Gesundheit in der Coronakrise noch verstärkt haben.“ Denn gerade die entstandenen sozialen und existenziellen Krisen würden sich auch in der psychischen Gesundheit der Bevölkerung niederschlagen.

Dass psychische Erkrankungen immer noch stark stigmatisiert seien, habe sich ebenfalls gezeigt. Nur 63 Prozent der Österreicher würden im Familien- oder Bekanntenkreis über eine psychische Erkrankung reden. Im Berufsalltag sind es sogar nur 21 Prozent, bei den bis 19-Jährigen würden gar nur 13 Prozent im Arbeitskontext darüber berichten. Dabei sei die Bereitschaft, professionelle Hilfe anzunehmen, mit 89 Prozent enorm hoch. Allerdings sind nur 13 Prozent der Österreicher mit der Versorgung für psychische Erkrankungen zufrieden. 

Kosten noch offen

Dadurch würden für das Gesundheitsministerium drei Arbeitsfelder entstehen, die ab September in Angriff genommen werden sollen: Erstens müsse man an der Enttabuisierung arbeiten und mehr Wissen über psychische Erkrankungen vermitteln. „Das ist die Vorbedingung“, so Wimmer-Puchinger. Zweitens müssten vorhandene Ressourcen gebündelt werden und der Zugang zu professioneller Hilfe effizient gestaltet werden. Für den dritten Punkt, den Ausbau von Angebot und Ressourcen, sei Anschober auch bereit, Geld in die Hand zu nehmen. Beziffern wollte er die entstehenden Kosten aber nicht. 

Unterstützung holte sich Anschober bei der Pressekonferenz auch von der Bloggerin Leonie Rachel Soyel, die auf Instagram offen ihre Borderline-Erkrankung thematisiert. Sie sprach von ihren eigenen Erfahrungen mit Stigmatisierung und der Notwendigkeit einer leistbaren und leicht zugänglichen Versorgung. „Ohne Therapie würde ich hier wahrscheinlich nicht mehr stehen.“