Harry Stojka beim Gedenkstein im Barankapark, rechts im Hintergrund die 1999 gepflanzte rote Kastanie.
Grätzelwalk

Wien 10: Weltmusik im Barankapark

Warum Gitarrenvirtuose Harry Stojka heuer am 2. Juli am Belgradplatz spielen wird, wie die Hellerwiese zu ihrem dritten Namen kam, und wer hier bis 1941 jede Wintersaison wohnte.

Sechzehn Glockenschläge sind von der nahen Friedenskirche zu hören: Es ist zwölf Uhr Mittag am Belgradplatz. Ob die Menschen hier vor 80 Jahren auch die Schläge der Kirche zählten? Und dabei Vogelgezwitscher und Kinderspielradau im Ohr hatten, so wie heute? Vermutlich, und Pferdeschnauben dazu. „Hier auf der Hellerwiese standen die Wohnwagen der Roma, hier machten sie Rast, wenn sie als Stoff-, Pferde- oder Teppichhändler unterwegs waren“, erzählt Harry Stojka. „Bis 1940/41. Da wurden die Leute zuerst eingezäunt, dann in Vernichtungslager verschleppt. Überlebt hat kaum einer.“

Auf dem Platz verstummten die Stimmen der Roma. Zwar war der Name Belgradplatz seit 1900 die offizielle Bezeichnung des Ortes - zum Gedenken an die Eroberung Belgrads in den Türkenkriegen  - doch benutzt wurde er kaum. Roma wie Nichtroma sprachen gleichermaßen von der Hellerwiese, genannt nach der in der Gründerzeit entstandenen, benachbarten ehemaligen Schokoladefabrik Heller.

Erst 1999 kam Bewegung in die Sache: Stojkas Vater Mongo setzte hier im Zuge seiner Buchveröffentlichung „Papierene Kinder“ gemeinsam mit seinem Bruder Karl einen roten Kastanienbaum, ergänzt mit einem Gedenkstein. 2003 bekam der Ort einen dritten Namen: Barankapark. Und seit 2009 organisiert der Verein Voice of Diversity eine jährliche Gedenkfeier für die Männer, Kinder und Frauen, die hier lebten, und für die seit 2014 auch kleine Steine der Erinnerung gesetzt wurden.

Die Steine der Erinnerung im Eingangsbereich.
Die Steine der Erinnerung im Eingangsbereich.(c) DIMO DIMOV

Eine davon war die Naturheilerin Helene „Baranka“ Huber, Stojkas Urgroßmutter, die Namensgeberin des Parks. „Sie verwendete Baumflechten, in denen Schimmelpilze wuchsen. Eine Art Penizillin, was damals natürlich keiner wusste.“ Auf den Fotos der Gestapo sieht man eine Frau mit wirrem Haar. „Aufnahmen vom gleichen Tag zeigen eine gepflegte Frau mit glänzendem Kopftuch“, erzählt Valerie Stojka, Harrys Frau. Was passiert ist? Weiß man nicht. Doch das Bild, das Klischee der „schmutzigen Zigeuner“ ist jenes, das überliefert wurde. Bis Mitte der 1990er-Jahre war Diskriminierung für viele Roma Alltag. Freie Wohnungen und Arbeitsstellen waren oft plötzlich besetzt, wurde man als Roma „geoutet“.

 


Stolz und Vorurteil


„Dieser Rassismus ist heute nicht mehr salonfähig“, sagt Stojka. Auch die Sprache der Roma, Romanes, wird wieder mehr gewürdigt und gesprochen. Versteckt aber würden sich die Vorurteile vieler Menschen Bahn brechen. „Eine meiner Schwestern hat einen dunklen Teint. Da gibt es viele dumme Kommentare.“ Die Stojkas engagieren sich seit Jahren gegen Diskriminierung, nicht nur von Roma. Er sei stolz, Roma zu sein. „Nach innen.“ Nach außen demonstriere er das nicht, ebenso wenig wie das Wienerische. „Auf Englisch kannst du dir überall auf der Welt ein Backhendl bestellen, auf Deutsch oder Romanes nicht.“

Er sei eben aus der Rock-Generation: „Als ich die Beatles gehört hatte, wusste ich: Ich werde Musiker und will in die Welt.“ Und in der Musik wie im Sport „ist es egal, woher du kommst, wie du aussiehst. Wichtig ist, wie du spielst.“ Am 2. Juli spielt Stojka – sowie das Roman Grinberg New Klezmer Trio und der Wienerliedexperte Tommy Hojsa – wieder im Barankapark. Das Fest ist mittlerweile ein Fixpunkt im Grätzel, „auch wenn man heuer im nahen Seniorenheim coronabedingt eher bei offenem Fenster zuhören als herkommen wird“, meint Valerie Stojka.
Wienerlied, Roma- und Jiddische Musik seien sich in der Harmoniestruktur übrigens sehr ähnlich, merkt Stojka zur Programmauswahl an.

Anders die indische Musik, wie er sie erlebte. „Wir Europäer mussten uns mit den Melodien zurückhalten, die Inder mit dem Rhythmus. So konnten wir uns annähern und etwas Gemeinsames schaffen.“ Er sieht das durchaus als Metapher für ein gelungenes Miteinander: Eine stolze Selbstsicherheit, aus der heraus man einfühlsam mit anderen agieren könne.

www.voiceofdiversity.at

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