Emanuel Pogatetz zählt zu den härtesten Verteidigern im Fußball. Der "Presse am Sonntag" erzählt er, wie es ist, verletzt zu werden und selbst zu verletzen. Das Schlimmste seien simulierte Fouls und Verletzungen.
Zumindest das Finale der Fußball-WM wird uns noch eine Zeit lang in Erinnerung bleiben. Ist es legitim, so wie die Niederländer es versucht haben, mit extremer Härte und Foulspiel zum Erfolg gelangen zu wollen?
Emanuel Pogatetz: Es ist legitim, aber letzten Endes haben sie sich damit keinen Gefallen getan. Für viele war Holland in den Siebzigerjahren mit seinem ,Fußball total‘ der wahre Weltmeister. Am Ende zählt nicht der Titel, sondern die Art des Spiels.
Die Oranjes haben also ein Imageproblem?
Auf jeden Fall. Es hätte ja kurzfristig beinahe geklappt. Langfristig schadet sich Holland mit diesem Fußball.
Für Sie wäre es also in Ordnung gewesen, wenn die Niederländer bis ins Semifinale spielerisch überzeugt und nur fürs Finale gegen Spanien auf Karate umgestellt hätten?
Körperbetonter Fußball ist auf jeden Fall legitim. Spanien kann man nur so stoppen.
War bei dem Spiel die Grenze zwischen Härte und Gewalt nicht überschritten?
Ja, es war weit über der Grenze. Mir persönlich hat Schiedsrichter Howard Webb leid getan. Ich kenne ihn aus der englischen Liga, und er ist ein sehr guter Schiedsrichter. Er hat bei diesem Spiel nur alles falsch machen können. Hätte er vier Rote Karten gezeigt, wäre er auch der Buhmann gewesen.
Wenn eine Mannschaft hart und rustikal spielt, wird sie kritisiert. Sie sind auch als sehr harter, kompromissloser Verteidiger bekannt. Und dieses Image ist bei Fans und Trainern positiv besetzt. Warum?
Es ist gut, wenn man als Verteidiger so ist. Ich spiele zwar hart, aber immer fair. Ich bin grundsätzlich ein ehrlicher Spieler. Versteckte Fouls mache ich nicht. Ich gehe hart in den Zweikampf und habe mich dabei mitunter selbst verletzt. Manchmal haben sich auch die Gegenspieler verletzt. Das mögen die Fans. Deshalb ist die englische Liga so populär. Weil hart, aber ehrlich gespielt wird. Niemand bleibt liegen, wenn er nicht wirklich verletzt ist.
Wie ist das, wenn man von einem Gegner richtig verletzt wird?
Ich hatte sehr viele Verletzungen, viele Gesichtsverletzungen. Aber ich würde einem Gegenspieler nie einen Vorwurf machen. Sobald man die weiße Linie überschreitet, weiß man, worauf man sich einlässt. Und ich gehe immer davon aus, dass keiner einen anderen absichtlich verletzen will. Verletzungen gehören dazu, die muss man auch in Kauf nehmen. Fußball ist eben ein Kontaktsport. Und wer damit nicht zurechtkommt, muss sich einen anderen Job suchen.
Das hört sich locker an. Aber Sie laborierten lange Zeit an einer Knieverletzung, fielen im Vorjahr mehrmals aus – unter anderem wegen eines Jochbeinbruchs. So etwas steckt man doch nicht so einfach weg, oder?
Natürlich können Verletzungen sehr zermürbend sein. Man kommt sehr schnell in eine Abwärtsspirale hinein. Das war bei mir letztes Jahr so. Da folgte eine Verletzung der anderen. Das ist ein Teufelskreis. Wenn man verletzt ist, verliert man an Fitness. Und das führt dann wieder zu Verletzungen.
Ist es nicht auch so, dass die Teams die Verletzungen der Spieler einkalkulieren und es für den Einzelnen schwieriger wird, nach einer Verletzung den Anschluss zu finden?
In England ist das auf jeden Fall so.
Und das Mitleid mit einem verletzten Vereinskollegen hält sich in Grenzen...
Es gibt kein Mitleid im Profifußball.
Haben Sie Mitleid, wenn Sie selbst einen Gegenspieler verletzen?
Ja, schon. Ich habe Mitleid, aber keine Schuldgefühle. Würde ich mir selbst Vorwürfe machen, müsste ich den Job aufgeben. Ich habe auch noch nie einen Spieler absichtlich verletzt.
Wie ist es, wenn man einen Spieler verletzt? Erkundigt man sich dann nach ihm? Gibt es danach ein Gespräch?
Direkten Kontakt nicht. Ich habe nach Verletzungen auch nie erwartet, dass sich mein Gegenspieler meldet. Natürlich verfolgt man in den Medien, wie es einem Spieler geht. Aber ich sitze nicht zuhause und denke: Oh Gott, was hast du da gemacht!
Nimmt die Verletzungsgefahr zu?
In England gibt es mehr Verletzte. Aber nicht nur infolge von Fouls. Die Blessuren sind auch auf die vielen Spiele und die große Belastung zurückzuführen. Oft macht der Körper nicht mehr mit. Wie etwa mein Knie. Das ist eine reine Abnützungserscheinung. Mein Arzt hat mir erklärt, dass solche Knieverletzungen früher meist bei Spielern ab 30 aufgetreten sind. Heute leiden 25-jährige Profis darunter.
Warum ist in England die Verletzungsgefahr am größten?
Weil dort die meisten Spiele sind. Weil dreimal in der Woche gespielt wird. Und es gibt keine Winterpause.
Englands Teamchef Fabio Capello macht die fehlende Winterpause für das miserable Abschneiden der „Three Lions“ bei der WM verantwortlich.
Ich bin davon überzeugt, dass dies ein Grund ist. England ist die einzige Liga ohne Winterpause. Zwei Wochen Pause reichen, um sich zu regenerieren. Auch Manchester-United-Coach, Alex Ferguson, plädiert für eine Pause.
Aber die Premier League reagiert nicht...
Die Liga weiß, dass in dieser Zeit nur England spielt und man deshalb die TV-Übertragungen noch teurer verkaufen kann. Da zählt das Geld, das Verletzungsrisiko interessiert niemanden.
Ihr berühmtestes Foul begingen Sie als Spartak-Moskau-Spieler an Jaroslav Kharitonskij. Ihm haben Sie im Juni 2005 einen doppelten Beinbruch zugefügt.
Das war eine schwierige und unglückliche Situation. Da war keinerlei Absicht dahinter. Und da wurde auch sehr viel Blödsinn geschrieben. Auch von österreichischen Journalisten, die das Foul nie gesehen haben. Dazu kam, dass es mein letztes Spiel vor dem Wechsel nach Middlesbrough war und der Verein mich nicht ziehen lassen wollte. Hätte ich in Moskau weitergespielt, wäre die Strafe – acht Spiele – vermutlich viel geringer ausgefallen.
Und letztendlich haben Sie sich mit dieser Sperre auch selbst geschadet...
Eine Sperre tut sportlich weh, weil man seinen Stammplatz verlieren kann. Finanziell ist es unangenehm, weil man keine Prämien erhält. Und womöglich bekommt man auch noch vom Verein eine Geldstrafe aufgebrummt.
Legendär ist Ihre Rote Karte beim WM-Qualifikationsspiel gegen Nordirland im Herbst 2005. Weil es das letzte Pflichtspiel vor der Euro2008 war, wären Sie für das Turnier gesperrt gewesen. Am Ende wurde die Sperre auf ein Spiel reduziert – und Sie durften zur Heim-EM...
Das war die größte Ungerechtigkeit, die mir in meiner Karriere widerfahren ist. Der Schiedsrichter war völlig überfordert. Das war ein Handgemenge, aber keine Rote Karte.
Sie wurden schwer gefoult und haben den Gegenspieler am Kragen gepackt. Der Referee hat beide ausgeschlossen...
Das war keine Tätlichkeit.
Wie viele Rote Karten kassierten Sie in Ihrer Profikarriere?
Die eine in Russland, dann eine in England gegen Manchester United. Und die im Nationalteam. Ach ja: Beim GAK hat mir auch einmal Fritz Stuchlik eine gegeben. Aber von dem hat ja jeder Verteidiger schon eine Rote bekommen.
Vier Rote Karten in zehn Jahren. Sind Sie gar nicht so schlimm wie Ihr Ruf?
Mein Problem waren nicht die Roten, sondern die Gelben Karten. In meiner ersten Saison in England kassierte ich zwölfmal Gelb.
Warum?
In England wird sehr schnell gespielt, Da war ich anfangs mit den Tacklings zu spät dran. Aber in den vergangenen drei Jahren hatte ich nicht einmal mehr Gelb-Sperren.
Empfinden Sie das Foul als Eingeständnis der Schwäche?
Wenn man zu spät dran ist, wie in meiner ersten Saison in England, dann ist das sicher ein Zeichen der Schwäche. Aber 90 Prozent der Fouls sind reine Auslegungssache. Zweikämpfe bei hohen Bällen zum Beispiel: Beide rempeln, und der Schiedsrichter pfeift.
Bei Fouls denkt man aber automatisch an Verteidiger...
Zu Unrecht. Die meisten Fouls in einem Spiel machen in der Regel die Stürmer. Das Problem dabei ist: Wenn er mich im Strafraum zehnmal foult, gibt es unspektakuläre Freistöße, die überhaupt nicht wahrgenommen werden. Wenn ich es aber mache, gibt es Elfmeter.
Und dann gibt es Spieler wie Cristiano Ronaldo. Der langt selten zu, spielt aber trotzdem unfair.
Ich hasse solche Spieler. Sie spielen zwar körperlich nicht hart, aber fabrizieren Schwalben und schinden Elfmeter. Das ist für mich die schlimmste Krankheit im Fußball. Fußball ist die einzige Sportart, bei der Spieler vorgeben, verletzt zu sein, obwohl sie es nicht sind. Mir persönlich wäre so etwas peinlich. Wenn man mich mit der Trage vom Feld schleppt, kann man davon ausgehen, dass ich mindestens eine Woche ausfalle.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.07.2010)