Schnellauswahl
Musical

„Hamilton“: Die rappenden Gründerväter

Show-Schöpfer und Star Lin-Manuel Miranda spielt Alexander Hamilton, einen „Bastard“, der sich zum Staatsmann hocharbeitet. Die Frauen im Musical – wie Hamiltons Gattin Eliza (Phillipa Soo) – dürfen himmeln und harren.
Show-Schöpfer und Star Lin-Manuel Miranda spielt Alexander Hamilton, einen „Bastard“, der sich zum Staatsmann hocharbeitet. Die Frauen im Musical – wie Hamiltons Gattin Eliza (Phillipa Soo) – dürfen himmeln und harren.(c) Disney
  • Drucken

In den USA ist „Hamilton“ über den ersten Finanzminister des Landes ein Massenphänomen. Nun startet es als Theaterfilm auf Disney+. Ein strittiges Sensationsobjekt.

Hamilton! Hamilton, Hamilton, Hamilton. Für alle, die sich für amerikanische Popkultur interessieren – von Musicalenthusiasten ganz zu schweigen – gab es an diesem Namen in den vergangenen Jahren kein Vorbeikommen. Seit sich das Singspiel über den „vergessenen“ US-Gründervater Alexander Hamilton 2015 zum Broadway-Sensationserfolg mauserte, wird es als bahnbrechender Meilenstein gefeiert.

„Hamilton“-Anspielungen in Serien und TV-Sendungen sind längst gang und gäbe. Kaum eine Late-Night-Show, die nicht mit Songs aus der Produktion aufwartete. Star und Schöpfer Lin-Manuel Miranda scheint den Status eines Nationalhelden erreicht zu haben, wird medial herumgereicht, war bei den Oscars und im Weißen Haus. 2016 räumte „Hamilton“ bei den brancheninternen Tony Awards ab – und wurde per Videobotschaft von den Obamas beweihräuchert. Keine Frage: „Hamilton“ ist ein Phänomen.

Was steckt dahinter? Abseits tatsächlicher Aufführungen konnte man sich bislang nur ein unvollständiges Bild der Show machen. Ein Soundtrack ist auf YouTube verfügbar, sonst gewährten nur kurze Clips Einblick. Für Neugierige hat das Warten jetzt ein Ende: Disney hat sich die Verwertungsrechte für ein rekordverdächtiges Multimillionensümmchen gesichert. Und eine Bühnenfilmfassung produziert, die ab heute auf der Plattform Disney+ verfügbar ist.

Das Kernkonzept von „Hamilton“ ist schnell erklärt. Es handelt sich um eine forsch voranpreschende Dramatisierung des Lebens des ersten US-Finanzministers, Alexander Hamilton, auf Basis eines Wälzers des Historikers Ron Chernow. Beinahe von der Wiege bis zur Bahre wird sein Werdegang geschildert: Ein „bastard, orphan, son of a whore“, der sich verbissen Ansehen erkämpft, der Revolutionsbewegung anschließt, im Unabhängigkeitskrieg an der Seite George Washingtons ficht, nach dem Sieg die Verfassungsbildung vorantreibt und schließlich bei einem Duell von seinem einstigen Freund Aaron Burr erschossen wird.

Der Clou? Einerseits werden fast alle befrackten Figuren dieses überbordenden Ensemblestücks von „people of color“ gespielt. Die Musik ist andererseits untypisch für Broadway-Kassenschlager, ein orchestriertes Rap-Rezitativ mit Beigaben von Soul und R & B. Diese Direktsubversion einer notorisch „weißen“ Unterhaltungsgattung ist das Erfolgsgeheimnis „Hamiltons“: Wie unlängst beim Afro-Blockbuster „Black Panther“ wird seine Popularität als Beleg für antirassistische Errungenschaften hochgehalten.

 

Warum kein Malcolm-X-Musical?

Doch bei näherem Hinsehen kriegt das glänzende Image schnell Risse. Am eklatantesten ist der Widerspruch zwischen progressiver Geste und Geschichtsklitterung: Dass die Architekten der Vereinigten Staaten selbst Sklavenhalter waren, bleibt unerwähnt. Der Fokus auf die Gründerväter, die in den USA wie Heilige verehrt werden, ist grundsätzlich strittig: Wie wäre es zur Abwechslung mit einem Musical über Malcolm X?

Auch über die Authentizität des Hip-Hop-Habitus lässt sich diskutieren. Doch sie ist ohnehin sekundär. Die eigentlichen Vorbilder der Show sind Hollywood-Filmbiografien. Hamilton hantelt sich mit Kühnheit, Klugheit und harter Arbeit vom Tellerwäscher zum Staatsmann. Sein Credo: „I am not throwing away my shot.“ So viel Selfmade-Pathos! Männer schaffen Geschichte, Frauen wie die Protagonistengattin Eliza (Phillipa Soo) dürfen himmeln, harren und der Herren Andenken bewahren.

Es entbehrt nicht einer gewissen Eitelkeit, dass sich Miranda die Hauptrolle seiner Aufsteigerstory selbst auf den Leib geschrieben hat. Sein Markenkult versetzt manche Kritiker in Rage: Der schwarze Literat Ishmael Reed hat ein ganzes Stück über seinen „Hamilton“-Hass verfasst. Vielleicht ein bisschen übertrieben: Wie Mirandas Mammutwerk knappe drei Stunden lang mit mitreißender Erzählenergie durch komplexe Demokratisierungsprozesse galoppiert (und diese in Ansätzen greifbar macht), ist letztlich zu eindrucksvoll und eloquent, um als bloßer Ego-Erguss abgetan zu werden.

Dennoch wird man das Gefühl nicht los, dass der Hype um „Hamilton“ irgendwann ein bisschen peinlich wirken wird. Namentlich in jener fernen und glorreichen Zukunft, die den Begriff „Diversität“ nicht nötig hat, weil sie alle ungeachtet von Herkunft und Hautfarbe als gleichwertig anerkennt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.07.2020)