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Mobilitätsforschung

Der Weg zur Fahrradstadt ist holprig – und digital

APA
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Der Drahtesel ist in Salzburg besonders beliebt, 20 Prozent aller Wege werden mit dem Rad zurückgelegt. Eine Smartphone-basierte Lösung einer Forschergruppe soll das Verbesserungspotenzial auf Radwegen erkennen, um noch mehr Menschen zum Aufstieg zu bewegen.

Mehr als 180 Kilometer können die Salzburgerinnen und Salzburger auf Fahrradwegen zurücklegen. Bei jeder fünften Fahrt entscheiden sie sich deshalb auch für das Rad, ein Topwert in Österreich. Darauf bringen es in der Landeshauptstadt an der Salzach nicht einmal die Öffis. Doch laut Stadtverwaltung gibt es noch Potenzial nach oben. Bis 2025 sollen weitere vier Prozent der Wege auf zwei Rädern zurückgelegt werden – unmotorisiert oder elektrisch unterstützt, versteht sich. Das soll die Straßen von Kraftfahrzeugen befreien, denn auch der Energieverbrauch, so vereinbart im Rahmen der Salzburger Smart City Strategie, muss um 30 Prozent sinken.

Damit das alles gelingt, setzt die Stadt neben Kommunikation und einer stärkeren Fahrradkultur vor allem auf die Verbesserung der Fahrradinfrastruktur. Nur, wo soll man ansetzen angesichts des ausschweifenden Wegenetzes? Abhilfe schaffen soll das Bike Quality Projekt des Urbanen Mobilitätslabors Salzburg (UML). „Per App analysieren ausgewählte Testpersonen die Qualität der Radwege“, so Sven Leitinger, Mobilitätsexperte bei der Forschungsgesellschaft Salzburg Research, welche mit der Qualitätsuntersuchung beauftragt wurde. Die Testradler erhalten baugleiche Smartphones und Fahrräder, Letztere stellt das vom Klimaschutzministerium finanzierte UML zur Verfügung.

Sensor spürt jede Unebenheit

„Wir machen uns die eingebauten Beschleunigungssensoren der Telefone zunutze. Eigentlich sorgen die für die Displayausrichtung, wenn man das Handy dreht. Doch wenn man sie am Fahrradlenker befestigt, lassen sich damit Unebenheiten auf der Fahrbahn erkennen“, erklärt Leitinger, dessen Abteilung auf das Sammeln und Analysieren von Bewegungsdaten spezialisiert ist. Auch GPS-Signale senden die Geräte in Echtzeit auf die Server von Salzburg Research, natürlich anonymisiert und nur entlang vereinbarter Teststrecken. Die GPS-Daten lassen sich mit den digitalen Stadtplänen in der Graphenintegrations-Plattform GIP abgleichen, die alle Verkehrswege Österreichs in einer Kartei vereint.

Nach der Auswertung entsteht so eine detaillierte Karte des Radfahrkomforts. „Fertig analysiert können die Ergebnisse der Stadt Salzburg Abschnitte aufzeigen, welche in besonders gutem und besonders schlechtem Zustand sind“, so der Forscher. So soll Handlungsbedarf direkt erkennbar werden und die für die Radstrategie freigemachten Mittel an die richtigen Orte fließen. Leitinger: „Bisher gibt es in den Magistraten der Großstädte oft nur Einzelpersonen, die das Radwegenetz wirklich gut kennen, Bürger melden sich teilweise mit Vorschlägen. Wir machen den Zustand der Fahrbahn nun erstmals messbar.“ Entstanden ist die Idee für die Smartphone-App bei einem früheren Forschungsprojekt. Aufgrund des Potenzials zur CO2-Einsparung hat das Fahrrad eine neue Bedeutung in der Stadtplanung erhalten. „Auch die Coronazeit hat zu einem veränderten Radfahrverhalten geführt“, so Leitinger. Das UML Salzburg und Salzburg Research hoffen daher, dass die App auch in anderen Städten angewendet wird – die Datenauswertung könne nach dem Testlauf in Salzburg einfach skaliert werden. Auch jährliche Analysen des Wegezustands sind denkbar. Ende Juli sollen bereits erste Ergebnisse vorliegen, dann wird sich zeigen, wie viel Handlungsbedarf besteht. Die digitalen und anwendungsnahen Messmethoden per Smartphone werden, sollten sie sich bewähren, zukünftig eine größere Rolle spielen.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.07.2020)