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Jazz

Karl Ratzer: Ein Meister des lässigen Grooves und der subtilen Balladen

Nie klang sein Gesang souveräner und wärmer als derzeit: Karl Ratzer wird heute 70.
Nie klang sein Gesang souveräner und wärmer als derzeit: Karl Ratzer wird heute 70.(c) Eckhart Derschmidt
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Karl Ratzer wird nach einem wilden Leben siebzig. Damit hat wohl nicht einmal er gerechnet. Er ist ein Unikat – als Gitarrist wie als Sänger.

Karl Ratzer ist der „Mister Mellow“ des österreichischen Jazz. Nach einem veritablen Tief um das Jahr 2010 herum, hat er sich in den vergangenen Jahren mit seinem neuen Trio – mit Bassist Peter Herbert und Schlagzeuger Howard Curtis – wieder zur Höchstform gebracht. Als gitarristischer Meister des lässigen Grooves und der subtilen Balladen. Vor allem aber auch als Sänger. Nie klang sein Gesang souveräner und wärmer als derzeit. „Karl lebt den Jazz direkt und natürlich, mit allem Soul“, sagt der musikalisch anders disponierte Gitarrist Wolfgang Muthspiel, Österreichs derzeit prominentester Jazzexport.

Sich selbst in die Welt getragen, das hat Ratzer bereits in den 1970er-Jahren. New York und Atlanta waren die Städte, in denen er wirkte. Dort spielte er mit Granden wie Joe Farrell, Tom Harrell und Bob Berg hochkarätigen Jazz. Sein für Vanguard aufgenommenes Soloalbum „In Search of the Ghost“ zeugt davon, wie akzeptiert er in den USA war, wenngleich seine internationale Karriere nie jene kommerziellen Höhen erreicht hat wie die von Josef Zawinul und Hans Koller. In den 1980er-Jahren kehrte er wieder nach Wien zurück, geigte aber weiterhin mit Amerikanern wie dem legendären Trompeter Chet Baker europaweit auf.

Im Lauf seines Lebens hat Ratzer diverse Musikstile ausprobiert. Seine Anfänge in den Sechzigern machte der Autodidakt mit den Teenbeats und den Slaves im Underground-Rock, der sich in Lokalen wie dem HVZ und dem San Remo (der heutigen Camera) abspielte. Seine erste Band gründete er 1967. Sie hieß Charles Ryders Corporation. In ihr übernahm er auch erstmals das Mikrofon. Weitere Kreise zog die Musik, die er mit seiner Rockband Gipsy Love machte, die u. a. mit späteren Stars wie Kurt Hauenstein (Supermax) und Peter Wolf (Frank Zappa) besetzt war.

 

Reichlich psychedelisch

Ratzer brilliert auf dem ersten Tonträger mit schnittigen Kompositionen und jugendlichem Gesangsduktus. Seine Gitarre klang damals noch reichlich psychedelisch. Nur Spurenelemente von Jazz darin. Aufgewachsen in Zwischenbrücken, der heutigen Brigittenau, blieb Ratzer lang ein Wanderer zwischen den musikalischen Welten. Er probierte 1979 den Discosound erfolgreich mit Players Association aus. Deren Song „Turn the Music up“ erreichte Platz acht der britischen Charts. Oder er trug zu „Trip“, der Popoper von Fatty George, saftige Gitarrenlicks bei. Auch André Hellers Larmoyanzgstanzl „Kumm ma mit kane Ausreden mehr“ behübschte er mit attraktiven Läufen.

Den nachhaltigsten Eindruck hinterließ er aber im Jazz. Christoph Huber, Maître des Porgy & Bess, erinnert sich: „What about Ratzer?“, fragten John Scofield, Billy Hart und Adam Nussbaum bei ihren Gastspielen. Für Huber ist Ratzer ein Unikat des Jazz. „Er ist ein neugieriger Forscher, der alles Gelebte, Gehörte, Gefühlte in Musik verwandelt, ein unerschütterlicher Rhythmiker mit untrüglichem Harmonieverständnis. Als Mensch ist er ein Widerspruch: laut und sensibel, tollpatschig und leichtfüßig, fordernd und dienend, altersweise und ungestüm, unmäßig und kontrolliert.“

So charakterisiert Huber ihn, der am 1. September die reguläre Porgy-Saison nach Corona eröffnen wird. Das ist nur würdig und recht. Schließlich hat niemand so oft im Haus in der Riemergasse konzertiert wie er. Seine Auftritte sind stets spannend, weil sie seiner Intuition gehorchen. Nein, ein Akademiker ist er nie geworden. Gottlob!

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.07.2020)