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Aus für Lendvais „Europäische Rundschau“

Paul Lendvai (Archivbild 2015).
Paul Lendvai (Archivbild 2015).(c) imago/Rudolf Gigler
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Die Zeitschrift galt als Österreichs „geistige Visitenkarte“. Nach 47 Jahren erschien sie zum letzten Mal.

Das Dahinscheiden erfolgte nicht mit lautem Getöse, sondern still und leise: Am Freitag wurde die letzte Ausgabe der „Europäischen Rundschau“ ausgeliefert. 47 Jahre lang war die Vierteljahreszeitschrift ohne Unterbrechung erschienen, letztlich sind es gut 190 Hefte geworden. Aber jetzt sind der Publikation, die im Ausland noch mehr als in Österreich als geistige Visitenkarte des neutralen Kleinstaats angesehen wurde, die Mittel versiegt. Zeitschriftengründer und Redaktionsleiter Paul Lendvai blieb nichts anderes übrig, als die Stopptaste zu drücken.

Die „Europäische Rundschau“ war über viele Jahre vor allem eine Aussichtsplattform auf das Geschehen in Mittel- und Osteuropa. Während der kommunistischen Ära fanden hier Bürgerrechtler wie Wladsylaw Bartoszewski oder Bronislaw Geremek, aber auch systemtreue Querdenker wie Václav Klaus oder Jewgenij Primakow einen Platz für ihre Gedanken. Die Zeitschrift habe als Impulsgeber für das magische Umbruchsjahr 1989 eine „ungeheure Rolle“ gespielt, konstatierte der frühere tschechische Außenminister Karel Schwarzenberg.

 

Who is Who der politischen Denker

Die Autoren und Autorinnen, die hier in den vergangenen 47 Jahren Texte ablieferten, lesen sich wie ein Who is Who großer politischer Denker – von Timothy Garton Ash bis Walter Laqueur, von Zbigniew Brzeziński bis Tony Judt. Lendvais Rundschau war es, die Francis Fukuyamas bahnbrechenden Text „Das Ende der Geschichte“ erstmals auf Deutsch veröffentlichte und so die Diskussion darüber auch im deutschsprachigen Raum vorantrieb. Auch in den Streit über die Vergleichbarkeit des braunen und roten Totalitarismus schaltete sich die „Rundschau“ ein, ebenso in die Debatte über die Reformierbarkeit oder Unreformierbarkeit des Kommunismus.

An der Wiege der Zeitschrift standen der Harvard-Historiker Richard Pipes und Lendvai. Bruno Kreisky und Josef Taus halfen, Lendvais „Kind“ großzuziehen. Aber uneigennützige Förderer wie Taus und Walter Rothensteiner gab es zuletzt immer weniger. Das breite Interesse am Geschehen der mit Österreich historisch eng verbundenen Nachbarschaft im Osten und Südosten ist zuletzt immer mehr erschlafft. Lendvai aber blieb seinem Vorsatz, Mittelosteuropa besser auszuleuchten, bis zum letzten Heft treu: Es widmet sich den vielen Nachbeben der Trianon-Verträge von 1920. (b.b.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.07.2020)