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Wort der Woche

Schatzgrube Abwasser

Aus Untersuchungen unseres Abwassers lassen sich erstaunliche Schlüsse ziehen – nicht nur über die Verbreitung des Coronavirus.

Die meisten Zeitgenossen wollen mit Abwasser nichts zu tun haben. Verständlich. Für manche ist es freilich eine Schatzgrube. Etwa für Epidemiologen. Derzeit erlebt die „wastewater-based epidemiology“ (WBA) einen wahren Boom, bei der im Abwasser nach Biomarkern gesucht wird, die Einblicke in unser Leben erlauben. Bekannt wurde die Methode im Zuge der Coronapandemie – denn erkrankte Menschen scheiden Teile des Virus im Stuhl aus, und diese Moleküle lassen sich im Abwasser nachweisen. Forscher der Medizin Uni Innsbruck, der TU Wien und der Ages arbeiten zurzeit an einer Methode für ein Frühwarnsystem für eine mögliche zweite Coronawelle: Ist ein Coronatest im Abwasser eines bestimmten Areals positiv, können die Menschen dort gezielt getestet werden.

Dieser Tage gab es einigen Wirbel um eine Studie von Forschern in Barcelona, die eingefrorene Abwasserproben analysierten und bei einer Probe aus dem März 2019 ein positives Sars-CoV-2-Resultat erhielten. In der Fachwelt wird dieses Ergebnis gerade heiß diskutiert – möglicherweise muss die Vorgeschichte der Pandemie, die nach jetzigem Wissensstand im November 2019 begonnen hat, umgeschrieben werden.

Aber auch in vielen anderen Bereichen läuft die Forschung auf Hochtouren. Bereits routinemäßig werden z. B. Bestandteile und Abbauprodukte verbotener Substanzen im Abwasser analysiert, um etwas über Veränderungen des Drogenkonsums oder die Wirksamkeit von Gesetzesänderungen zu erfahren. Man kann auch nachweisen, wenn etwa ein Bodybuilder-Wettbewerb in einer Stadt stattfindet.

Immer häufiger wird überdies unser Alltagsleben unter die Lupe genommen. So wurde etwa im Abwasser eines Uni-Campus in den USA gezeigt, dass Studenten unter der Woche mehr Kaffee und am Wochenende mehr Alkohol und Nikotin konsumieren. Australische Forscher haben jüngst Unterschiede im Verzehr von Vitaminen und Ballaststoffen in verschiedenen Stadtvierteln gefunden; gescheitert sind sie indes daran, den Fleischkonsum anhand von Abwasserproben zu quantifizieren.

Angesichts solcher Forschungsarbeiten könnte man sich fragen, ob hier ein „Big Brother“ im Kanal lauert? Das hängt v. a. davon ab, an welchen Stellen Proben gezogen werden: in Kläranlagen, wo das Abwasser Tausender Menschen zusammengeflossen ist, sind Studien zur Erfassung von Trends in der Gesellschaft wohl unproblematisch. Geschieht dies hingegen im Abwasserkanal eines einzelnen Hauses, sollten alle Alarmglocken schrillen.

Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Wissenschaftskommunikator am AIT.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.07.2020)