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Glaubensfrage

Papst und „Oberster Führer“

Mit einem Vorstoß im Nahost-Konflikt beweist die Vatikan-Diplomatie ihre Existenz. In China droht ihr allerdings ein Versagen auf voller Linie.

Passt so gar nicht zum Bild, das man sich von Diplomaten macht. Noch dazu, wenn es sich um Bischöfe, Kardinäle handelt, denen niemand Geringerer als der Papst vorsteht. Der jüngste Vorstoß des Vatikans ist fast schon ungestüm. Das passt dann aber zumindest zum Bild, das man sich von Franziskus macht.

Was ist passiert? Die Nummer zwei des Kirchenstaates, Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, hat die Botschafterin der USA, Callista Gingrich, und den Botschafter Israels, Oren David, in den Apostolischen Palast einberufen. Ein Schritt, der so gar nicht Usancen diskreten, (über)vorsichtigen Agieren entspricht. Der Vatikan versucht sich als Vermittler im Minenfeld, das seit Jahrzehnten als Nahostkonflikt fungiert. Nicht nur das Treffen ist ungewöhnlich, auch die Art, dass und wie es kommuniziert wurde.

Am Tag danach wurde eine – gleichfalls relativ deutliche – Presseerklärung nachgeliefert. Der Heilige Stuhl zeige sich „besorgt“, man möge „alles Mögliche“ für Verhandlungen unternehmen. Es gebe ein Existenzrecht für beide Staaten, Israel und Palästina. Das ist klar verständlich und mutig formuliert, Eigenschaften, die sonst der Kirche(ndiplomatie) eher fremd sind.

Wie das Beispiel der Beziehung zum kommunistischen China zeigt. Seit fast zwei Jahren existiert ein Abkommen über die Bestellung von Bischöfen, das im September zur Verlängerung ansteht. Es ist geheim. Jedenfalls hat der Papst die Exkommunikation von Bischöfen der patriotischen, regimetreuen Kirche zum Entsetzen der romtreuen Untergrundkirche zurückgenommen und sie in ihrem Amt nachträglich legitimiert. Er durfte nun auch – welch Privileg! – Bischöfe ernennen, die von China akzeptiert werden. Gleichzeitig häufen sich wieder, wie die seriöse Katholische Presseagentur wissen lässt, Meldungen aus China, wonach die Behörden, zuletzt in der Nähe Shanghais, Hunderte Kreuze von Kirchen abmontieren lassen. Und es ist zu befürchten, dass das neue umstrittene Sicherheitsgesetz Hongkongs regimekritischem Kardinal Zen Ze-Kiun zum Verhängnis werden könnte.

Was lernen wir aus dem diplomatischen Techtelmechtel zwischen Papst und „Oberstem Führer“ Chinas? Man muss Xi Jinping heißen oder über dessen Macht verfügen, um Einfluss auf die Bestellung eines katholischen Bischofs zu haben. Überall sonst wäre jedes kommunistische Stimmchen für einen Kandidaten Ausschließungsgrund einer Ernennung. Es führt vieles ad absurdum, wenn dieses Recht dem Machthaber eines totalitären, atheistischen Regimes zugebilligt wird. Noch dazu, da Mitsprache in der Kirche bei wichtigen Personalentscheidungen nicht existiert (siehe aktuell die Nachfolge Kardinal Christoph Schönborns). Geheime Befragungen kleinster Zirkel sind in jeder Hinsicht unmaßgeblich. Ein Ärgernis.

dietmar.neuwirth@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.07.2020)