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Loveparade: Der Druck auf die Verantwortlichen steigt

Maedchen umarmen sich am Montag, 26. Juli 2010 in Duisburg an der Stelle, wo bei der Lovparade am ver
(c) APN (Hermann J. Knippertz)
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Der Ex-Polizeipräsident von Duisburg hat sich im Vorfeld so heftig gegen die Loveparade ausgesprochen, dass er sich Feinde in der Politik machte. Am Samstag gibt es in Duisburg eine Trauerfeier für die Toten.

Nach der tödlichen Massenpanik bei der Love-Parade in Duisburg wächst der Druck auf die Verantwortlichen. Während die Staatsanwaltschaft erklärte, die Ermittlungen würden Wochen oder gar Monate in Anspruch nehmen, forderte die neue nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft als erste führende Politikerin am Montag rasche Konsequenzen.

Einem Zeitungsbericht zufolge hatte die Polizei vor der Veranstaltung große Bedenken gegen das Sicherheitskonzept, stieß dabei auf massiven politischen Widerstand. Die Todesopfer der Loveparade sind laut Kraft alle an Brustquetschungen gestorben. Sie wies damit frühere Meldungen zurück, wonach die meisten Opfer zu Tode stürzten. Der Befund legt nahe, dass die Opfer in der Menschenmenge erdrückt wurden.

Trauerfeier am Samstag

In Duisburg soll am Samstag auf einer Trauerfeier der Opfer der Loveparade-Katastrophe gedacht werden. Die Zeremonie sei in einer Kirche geplant, sagte eine Sprecherin der Stadt am Dienstag. Die Details würden noch geklärt.

Zu der Trauerfeier werden unter anderem der deutsche Bundespräsident Christian Wulff und zahlreiche Gäste aus dem Ausland erwartet.

Veranstalter und Stadt verantwortlich

Ministerpräsidentin Kraft sagte am Abend in der ARD, es sei klar erkennbar, dass das Sicherheitskonzept für die Mammutveranstaltung nicht gut gewesen sei. Nun gelte es, rasch zu klären, wo die Verantwortlichkeiten lägen und dann Konsequenzen zu ziehen. Die SPD-Politikerin machte deutlich, dass sie die Verantwortung auf dem Gelände bei den Veranstaltern und für die Planung bei der Stadt Duisburg sehe.

Der Duisburger Bürgermeister Adolf Sauerland hatte einen Rücktritt Montag Mittag trotz wachsenden Drucks noch abgelehnt. Der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Hans-Peter Uhl, sagte dagegen dem "Handelsblatt": "Nach dieser Katastrophe sind politische und persönliche Konsequenzen unausweichlich."

Loveparade-Organisator Rainer Schaller wies Kritik zurück und zeigte mit dem Finger auf die Polizei. Das Unglück sei womöglich durch eine Anweisung der Beamten ausgelöst worden, alle Schleusen vor dem westlichen Tunneleingang zu öffnen, obwohl Überfüllung drohte, sagte Schaller der Deutschen Presse-Agentur.

Bei der Aufklärung der Katastrophe erteilen die zuständigen Behörden derzeit keinerlei Auskünfte zum Einsatzkonzept der Polizei. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Bernhard Englisch, erklärte: "Zurzeit werden zum Schutz der Ermittlungen im Hinblick auf die denkbare Bandbreite der Ermittlungen keine Angaben gemacht."

Opferzahl steigt auf 20

Wie die Polizei am Abend mitteilte, erlag eine 21-jährige Deutsche ihren Verletzungen. Damit stieg die Zahl der Todesopfer auf 20. Zudem gab es über 500 Verletzte, von denen sich am Montag nach Auskunft der Staatsanwaltschaft noch 43 im Krankenhaus befanden.

Staatsanwalt Rolf Haferkamp sagte der Nachrichtenagentur Reuters, er rechne mit langwierigen Ermittlungen. "Das wird Wochen, wenn nicht Monate dauern." Es müssten viele Zeugen ausfindig gemacht und befragt werden. Zudem würden Fotos und Videos vom Unglücksort ausgewertet. Man ermittle wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung und der fahrlässigen Körperverletzung.

Es gehe darum herauszufinden, ob Entscheidungen getroffen worden seien, die zu Todesopfern geführt hätten. Nach Polizeiangaben liegen zwei Strafanzeigen vor. Die polizeilichen Ermittlungen wurden aus Gründen der Neutralität der Polizei in Köln übertragen.

Polizei äußerte Bedenken, CDU forderte "personellen Neuanfang"

Nach dem Unglück hatte es auch Kritik an der Duisburger Polizei gegeben. Sie habe nur äußerst zögerlich auf das Chaos reagiert, bemängelten Augenzeugen. Einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" zufolge äußerte die Polizei aber im Vorfeld der Loveparade massive Bedenken gegen das Sicherheitskonzept. "Die Polizei in Duisburg hat ihre Bedenken in mehreren Workshops und Besprechungen deutlich gemacht", sagte ein Beamter in Duisburg einem "SZ"-Bericht vom Dienstag zufolge. Der Veranstalter habe darauf aber nicht reagiert.

Der mittlerweile pensionierte Polizeipräsident Rolf Cebin habe sich so heftig gegen die Austragung der Loveparade ausgesprochen, dass der Duisburger CDU-Bezirksvorsitzende Thomas Mahlberg seine Absetzung gefordert habe. In einem Brief an Landesinnenminister Ingo Wolf habe Mahlberg die "Negativberichterstattung" nach Cebins Kritik an der Loveparade moniert. "Der Eklat veranlasst mich zu der Bitte, Duisburg von einer schweren Bürde zu befreien und den personellen Neuanfang im Polizeipräsidium Duisburg zu wagen", zitierte die Zeitung aus dem im Vorjahr verfassten Brief.

Wenige Stunden vor Beginn genehmigt

Einem Bericht der "Kölnischen Rundschau" zufolge genehmigte die Stadt die Loveparade erst wenige Stunden vor ihrem Beginn, am Samstagvormittag um 9 Uhr. Noch am Freitag hätten Feuerwehr und Polizei das Sicherheitskonzept in verschiedenen Sitzungen als unzureichend kritisiert. Kernpunkt der Kritik ist, dass die Besucher nur durch einen Tunnel auf das Gelände gelangen konnten. Außerdem war dieses nur auf 250.000 Besucher ausgelegt, die Polizei erwartete aber 1,4 Millionen Teilnehmer.

Bürgermeister Sauerland will von den Bedenken nichts gewusst haben. "Mir sind keine Warnungen bekannt", sagte der der "Rheinischen Post" (Dienstag). Der CDU-Politiker hatte sich besonders für die Austragung der Loveparade in der Ruhrgebiets-Stadt stark gemacht. Einen Rücktritt lehnte er am Montag ab. Rückendeckung erhielt er vom Chef der Europäischen Kulturhauptstadt "Ruhr.2010", Fritz Pleitgen. Der "Frankfurter Rundschau" (Dienstag) sagte er: "Bei der Entscheidung von Adolf Sauerland und den anderen Verantwortlichen wird Sicherheit höchste Priorität gehabt haben."

(Ag.)