Schon beim ersten Auftritt am Sonntag ist klar: Dieser Jedermann ist ein ganz anderer. Nicholas Ofczarek ist ein starker, böser Jedermann, Birgit Minichmayr eine charmant-ironische Buhlschaft. Der Tod wirkt fast besorgt.
Schon beim ersten Auftritt am Sonntagabend auf dem Domplatz ist klar: Dieser Jedermann ist ganz anders als der von Peter Simonischek in den vergangenen acht Jahren verkörperte. Debütant Nicholas Ofczarek trägt kein elegantes historisches Kostüm, sondern ist nachlässig gekleidet wie ein Spekulant nach einer durchzechten Nacht, in der er seine neuen Boni gefeiert hat. Das verschwitzte Hemd ist falsch geknöpft, einen Socken hat er verloren, doch der Mann ist noch immer gefährlich. Sein Gesinde behandelt er wie den letzten Dreck, die Verlierer, die ihm begegnen, während er sich noch obenauf wähnt, bedenkt er mit einem schauerlichen zynischen Lacher.
Oder gar mit Tritten; der Schuldknecht (Robin Sondermann) wird von ihm mit Ketten malträtiert, dessen Frau (Britta Bayer) verhöhnt. Was für eine unsympathische Erscheinung! Das ist ein Mann, der mit seinem Lebensstil direkt auf die Hölle zustrebt, der aber durch Gottes Barmherzigkeit, Restbestände Guter Werke und vor allem durch seine Reue in letzter Sekunde in diesem streng katholischen Welttheater in den Himmel gerettet wird.
Keine Theaterrolle ruft bei den Salzburger Festspielen mehr Medien-Interesse hervor als die Buhlschaft. Worin liegt Faszination dieser Rolle, und warum hat der Jedermann in Salzburg Kultstatus? Im Bild: Nina Hoss, die 2005 und 2006 in der Rolle zu sehen war. (c) Hans Klaus Techt
Die Moral der Geschichte vom Sterben des reichen Mannes ist zutiefst religiös. Auch ein Grund, warum Kritiker das Stück immer wieder als zu gestrig bezeichnen. Die Schwierigkeit des "Jedermann" liegt jedoch darin, das Publikum zu rühren und gleichzeitig zu belehren - ohne dabei platt zu wirken. Eine Gratwanderung. Im Bild: Veronika Ferres, der Inbegriff des Superweibes, als Buhlschaft 2002 bis 2004. (c) APA/Hans Klaus Techt
Die Buhlschaft selbst stellt das blühende Leben, die personifizierte Verführung dar - der Gegenpart zum sterbenden Mann. Seit vor dreißig Jahren Senta Berger die Rolle übernahm, muss die Buhlschaft ein Star sein. (c) APA/FRANZ NEUMAYR (FRANZ NEUMAYR)
Hoffmannsthals Stück wurde 1911 in Berlin uraufgeführt. Neun Jahre später inszenierte es Theaterlegende Max Reinhardt für die Salzburger Festspiele. Im Bild: Sophie Rois (c) � Jacqueline Godany / Reuters
Mit einer Unterbrechung von 1937 bis 1946 wurde der "Jedermann" jedes Jahr gespielt. Maddalena Crippa spielte die Buhlschaft von 1994 bis 1997, im ersten Jahr an der Seite von Helmuth Lohner, dann neben Gert Voss. (c) APA/NEUMAYR
Die Idee, die Bühne auf den Salzburger Domplatz zu stellen, stammt von Reinhardt. Er schätzte die Nähe zur historischen Kirche für das religiös geprägte Stück.Im Bild: Dörte Lyssewski übernahm die Rolle 1999 bis 2001, ihr Jedermann war Ulrich Tukur (c) APA (Barbara Gindl)
Christiane Hörbiger, Senta Berger, Sunnyi Melles, Veronica Ferres und Nina Hoss schlüpften bereits in die sinnliche Rolle. Marie Bäumer (im Bild) spielte die Buhlschaft 2007. EPA (Hans Klaus Techt)
Peter Simonischek nahm im Sommer 2009 nach 91 Vorstellungen in acht Jahren Abschied. Er hatte als Jedermann einen ziemlichen Frauen-Verschleiß: In seinen ersten drei Jahren auf dem Salzburger Domplatz stand ihm Veronica Ferres als Buhlschaft zur Seite. 2005 und 2006 folgte Nina Hoss, ehe 2007 Marie Bäumer die prominente Frauenrolle mit dem kurzen Text übernahm, 2008 und 2009 hieß die Buhlschaft Sophie von Kessel. (c) APA/BARBARA GINDL (BARBARA GINDL)
Auch Sunnyi Melles durfte sich 1990 in Salzburg von Jedermann umbuhlen lassen. 2002 kehrte sie als "Glaube" zurück auf den Salzburger Domplatz. Mehr zum ''Jedermann'' gibts hier AP (Doris Wild)
Von 2010 bis 2012 war, das "Traumpaar des Theaters" Birgit Minichmayr und Nicholas Ofczarek in den Rollen der Buhlschaft und dem Jedermann zu sehen. Die beiden spielten nicht das erste Mal gemeinsam: Sie standen bereits in "Geschichten aus dem Wiener Wald" und im gefeierten "Weibsteufel" zusammen auf der Bühne. Minichmayr wurde als Beste Schauspielerin mit dem Silbernen Bären bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin 2009 und dem Nestroy-Preis ausgezeichnet. (c) APA/BARBARA GINDL (BARBARA GINDL)
2013 übernahm Brigitte Hobmeier die Rolle der Buhlschaft, die Inszenierung wurde von den Regisseuren Julian Crouch und Brian Mertes erneuert. Die aus Ismaning bei München stammende Brigitte Hobmeier begeisterte am Münchner Volkstheater bereits als Viola in Shakespeares „Was ihr wollt“, als „Geierwally“ und als „Lulu“. (c) APA/BARBARA GINDL (BARBARA GINDL)
Hobmann, geboren studierte an der Folkwang Hochschule Essen. Sie ist mit einem Mathematiker und Schriftsteller verheiratet und Mutter eines Sohnes. Abseits des Theaters überzeugte sie auch in Markus Rosenmüllers Kinokomödie "Sommer in Orange" und in dem historischen TV-Film "Hebamme", der ihr den Grimme-Preis einbrachte. (c) APA/BARBARA GINDL (BARBARA GINDL)
Hobmeier steht neben Cornelius Obonya auf der Bühne. Obonyas Großvater Attila Hörbiger mimte von 1935 bis 1937 und von 1947 bis 1951 den Jedermann. Für 2016 müssen sich die Salzburger Festspiele eine neuen Buhlschaft suchen - Hobmeier hört auf. (c) EPA (BARBARA GINDL)
Der Jedermann und seine Buhlschaft(en)
Vom Grinsen zum Angstlachen
Das Lachen variiert Ofczarek in zwei Stunden als Protagonist von Hugo von Hofmannsthals Stück über das Sterben des reichen Mannes wunderbar – es reicht vom werbenden Grinsen über das einschüchternde Meckern bis zum Todesangst-Lachen. Ofczarek zieht alle Register in der Inszenierung von Christian Stückl, die dieser im neunten Produktionsjahr noch einmal gründlich überarbeitet hat; geschärft bis zur Satire, und auch in der Übertreibung neu. Zwar sind zwei Konkretisierungen des Hedonismus weg (der Heuwagen, aus dem bisher die Buhlschaft sprang, und das Modell eines Lustgartens), aber stattdessen gibt es ungehemmtes Spiel. Wesentlich ist dabei die Dominanz von Ofczarek. Souverän beherrscht er diese gereimten Verse, die so leicht ermüden lassen können, traumwandlerisch bewegt er sich auf der Bühne. Stückl ist es über weite Strecken gelungen, die Stärken dieses Volksschauspielers hervorzukehren, der in Gestik und Mimik zuweilen sehr expressionistisch wirkt, was man fast wiederum als Schwäche in dieser großteils sehr ansprechenden Inszenierung auslegen kann.
Freilich lässt diese Regie wenig Raum für das übrige Ensemble. Birgit Minichmayr als mädchenhafte Buhlschaft in einem fantastischen roten Kleid behauptet sich tapfer, indem sie in dieser wichtigen Nebenrolle ganz eigene Akzente setzt. Fast scheint sie einem bösen Ibsen-Spiel entsprungen. Diese Geliebte ist eine moderne Frau, die sich mit Charme und einer gehörigen Portion Ironie auf ein Kräftemessen mit dem groben Lackel einlässt. Wohldosiert ist ihre Koketterie. Sie liebt den Glamour. Bei ihrem ersten Auftritt von oben auf der Treppe flirrt das Lametta, wenn sie dem Gesinde und den Gästen hinter Jedermanns Rücken bedeutet, endlich mit dem Fest anzufangen. Aber nicht nur vergnügungssüchtig ist diese Person, sondern sie scheint auch echt besorgt um ihren Geliebten. In den Tod geht sie nicht mit ihm, dennoch rührt ihr flüchtiger Abschied: „Dein Spiel will mir nit mehr gefallen“, sagt sie fast emotionslos, aber konsequent, während ihr Liebhaber liegend um sein Leben kämpft – so exzessiv, dass er einmal sogar rücklings die Treppe runterrasselt. Ofczarek als Stuntman? In Volksstücken geht es manchmal eben etwas derb zu.
Die Tischgesellschaft inklusive der Ars Antiqua Austria ist in diesem neuen Stückl-Werk seltsam anachronistisch. Verhuscht wie ein griechischer Chor reagiert sie in ihren barocken Kostümen, wenn Jedermann sie mit seinen ersten Todesahnungen erschreckt. Wie aufgescheuchte Hühner toben Dicker und Dünner Vetter (Felix Vörtler, Thomas Limpinsel) um die Festtafel. Diese Clowns werden sich an ihrem Verwandten revanchieren, indem sie vor dem Todgeweihten das Goldgeschirr einsacken.
Es ist das Herzstück der Salzburger Festspiele: Hugo von Hofmannsthals "Jedermann" auf dem Domplatz. Seit 1920 wird das Stück gespielt, meist in hochkarätiger Besetzung. Am 3. November wurde Tobias Moretti als neuer Jedermann präsentiert. An seiner Seite übernimmt Stefanie Reinsperger den Part der Buhlschaft. Moretti ist sowohl auf der Kinoleinwand ("Das finstere Tal") als auch auf der Theaterbühne ("Faust") präsent. Er sei bereits zweimal gefragt worden, den Jedermann zu spielen, so Moretti. "Aber da war ich noch nicht soweit". Weiter: Ein Überblick über alle "Jedermänner" (c) Die Presse (Clemens Fabry)
Zwischen 1910 und 1930 war Moissi einer der berühmtesten Schauspieler im deutschsprachigen Raum. Mit seiner Sprachmelodie konnte der gebürtige Italiener viele Große in seinen Bann ziehen: Franz Werfel, Stefan Zweig und Gerhart Hauptmann bewunderten Moissi. Franz Kafka widmete ihm in seinem Tagebuch eine ausgesprochen lobende "Kritik". Mit 55 Jahren starb er 1935 in Wien an einer Lungenentzündung. (c) Salzburger Festspiele/Foto Ellinger
1913 wurde Paul Hartmann von Max Reinhardt an das Deutsche Theater in Berlin geholt, elf Jahre später ging er nach Wien, spielte an der Josefstadt und am Burgtheater. Unterm NS-Regime machte Hartmann Karriere: Er gehörte zum Ensemble des Preußischen Staatstheaters Berlin, spielte in Nazi-Streifen wie "Ich klage an" und wurde 1942 gar Präsident der Reichstheaterkammer. Nach 1945 bekam er Auftrittsverbot, 1948 konnte er seine Karriere aber wieder aufnehmen. (c) Salzburger Festspiele/Foto Ellinger
Auch Attila Hörbiger, mit Paula Wessely Mitbegründer der Schauspiel-Dynastie, stand als Jedermann am Domplatz. Seine Rolle in der NS-Zeit ist umstritten, nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges konnte Hörbiger seine Karriere aber nahtlos fortsetzen. (c) Salzburger Festspiele/Foto Doliwa
Der erste Jedermann nach dem Zweiten Weltkrieg: Balser spielte ab 1928 am Wiener Burgtheater, 1933 wechselte er nach Berlin. Er war für ernste Rollen prädistiniert - wurde etwa häufig als Bischof, Arzt oder Priester besetzt. (c) Salzburger Festspiele/Foto Madner
Nicht der Jedermann war Quadfliegs bekannteste Rolle, sondern Faust: Er spiele die Titelrolle in Gustaf Gründgens erfolgreicher Kinoverfilmung und gelangte so zu internationaler Bekanntheit. (c) Salzburger Festspiele/Foto Madner
Der Österreicher wurde dem breiten Publikum als Graf Andrassy im zweiten und dritten Teil der Sissi-Trilogie mit Romy Schneider bekannt. Von 1992 bis 1999 war Reyer der Hauptdarsteller der TV-Serie "Der Bergdoktor". Salzburger Festspiele/Madner
Ernst Schröder war einer der großen Charakterköpfe der deutschen Bühnen. Sein Leben verlief dramatisch: Er wurde im Krieg verwundet und gefangen genommen. Seine erfolgreiche Karriere als Schauspieler stoppte er 1975 abrupt und zog sich auf ein Weingut in der Toscana zurück. Fünf Jahre später brachte sich seine Tochter um - sie sprang von der Golden Gate Bridge in San Francisco. Schröder selbst nahm sich ebenfalls das Leben: An Krebs erkrankt sprang er 1994 aus dem Fenster eines Berliner Krankenhauses. Übrigens: Die Dame, die Schröder da so entsetzt anstarrt, ist niemand anderes als die junge Christiane Hörbiger. (c) Salzburger Festspiele/Foto Steinmetz
Lange war Jürgens Mitglied des Ensembles am Wiener Burgtheater, als Filmschauspieler machte er sich ebenfalls einen Namen, auch international: In "James Bond - Der Spion, der mich liebte" gab er etwa den Bösewicht. (c) Salzburger Festspiele/Foto Madner
Der einzige Jedermann-Darsteller, der mit einem Oscar prämiert wurde: Für seine Darstellung einen Anwalts von Nazi-Verbrechern in Stanley Kramers Film "Das Urteil von Nürnberg". Danach führte er auch Regie, malte und schrieb. Kurioserweise war er einer der Taufpaten von Angelina Jolie, denn er führte Regie in "Der Richter und sein Henker" mit Jolies Vater Jon Voight. Schell ist 2014 im Alter von 83 Jahren gestorben. (c) Salzburger Festspiele/Foto Rabanus
Ebenfalls ein internationaler Star ist Klaus Maria Brandauer: Für seine Darstellung in "Jenseits von Afrika" wurde er für den Oscar nominiert. Den bekam er zwar nicht, dafür aber zwei Golden Globes: einen für "Jenseits von Afrika" und einen für "Introducing Dorothy Dandridge". Zuletzt stand er für Francis Ford Coppola vor der Kamera. (c) Salzburger Festspiele/Foto Weber
Der Wiener war in Salzburg in wechselnden Rollen zu sehen: Er spielte nicht nur den Jedermann sondern auch den Tod und den Teufel. Von 1997 bis 2006 war Lohner Direktor des Theaters in der Josefstadt. Im Alter von 82 Jahren erlag er einem Krebsleiden. (c) Salzburger Festspiele/Foto Weber
Gert Voss, langjähriges Ensemblemitglied des Burgtheaters, überzeugte auch den Schriftsteller Thomas Bernhard, der ihn - neben Ilse Ritter und Kirsten Dene - mit dem Stück "Ritter, Dene, Voss" verewigte. Einen großen Erfolg feierte er mit Luc Bondys Inszenierung von "König Lear". Als Jedermann stand er mit Maddalena Crippa (im Bild) und Sophie Rois auf der Bühne. Voss starb 2014 an einer kurzen, schweren Erkrankung im Alter von 72 Jahren. (c) APA (NEUMAYR F.)
Peter Zadek verhalf Tukur zu seinem Durchbruch: für ihn spielte er am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Im Oscar-gekrönten "Das Leben der Anderen" spielte er den Oberstleutnant der DDR-Staatssicherheit. Heuer wird er in Michael Hanekes "Das weiße Band" zu sehen sein, das in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde. (c) APA (Salzburger Festspiele/rabanus wi)
Kein "Jedermann" hielt sich so lange und keiner hatte so viele Buhlschaften: Veronica Ferres (im Bild) war an seiner Seite zu sehen ebenso wie Nina Hoss, Marie Bäumer und Sophie von Kessel. Bei den Festspielen 2009 war er zum letzten Mal als Jedermann zu sehen. (c) APA/BARBARA GINDL (BARBARA GINDL)
Von 2010 bis 2012 spielte Nicholas Ofczarek die Titelrolle. Das Mitglied des Wiener Burgtheaters feierte auch Erfolge abseits der Theaterbühne, etwa in David Schalkos Serie "Braunschlag". (c) APA/BARBARA GINDL (BARBARA GINDL)
2013 (bis 2016) folgte der Enkel von Attila Hörbiger der Familientradition und schlüpfte in die Salzburger Paraderolle. Obonya wurde am 29. März 1969 in Wien als Sohn der Kammerschauspielerin Elisabeth Orth und des Burgschauspielers Hanns Obonya geboren - somit wurde ihm die Schauspielerei schon in die Wiege gelegt. (c) REUTERS (DOMINIC EBENBICHLER)
Es gibt wenig, was er noch nicht gemacht hat: Obonya war Ensemblemitglied am Burgtheater, sprach Hörspiele, trat als Ein-Mann-Kabarett auf und machte Ausflüge auf die Kinoleinwand. (c) APA/BARBARA GINDL (BARBARA GINDL)
Hörbiger, Schell, Ofczarek, Moretti: Alle Jedermänner
Comic-Version eines Teufels
Aufs Komödiantische verlässt sich auch Peter Jordan in der Doppelrolle Guter Gesell und Teufel. Aus einem Gecken in Gehrock und mit Stock wird die Comic-Version eines Teufels. Bartel nennt man solche zotteligen Gesellen in manchen Alpentälern. Nach einem verhaltenen Beginn hat Jordan als Satan mit glühenden Augen und schmutzstarrem Schwanz wenigstens die Lacher auf der Seite, vor allem, wenn er sarkastisch die Passagen des Glaubens vorträgt.
Unscheinbar sind diesmal der Mammon (Sascha Oskar Weis), Jedermanns Mutter (Elisabeth Rath) und die Guten Werke (Angelika Richter): ein Flitterbub ohne Glanz, eine alte Frau ohne Strenge, ein Trachten-Mädchen auf dem Friedens-Trip. Auch Gott der Herr (Martin Reinke), der anfangs als Armer Nachbar so lässig auf der Treppe lehnt, während die Riederinger Kinder sehr versiert wie seit Jahren schon das lustige Vorspiel zelebrieren, scheint seinen Ruhetag zu haben. Schließlich ruht Jedermann am Ende auch in seinem Schoß, das ist wie eine Pietà anzusehen. Diese Nebenrollen haben alle kleine Sprechprobleme und vielleicht auch noch Schwierigkeiten mit dem neuen, kraftgenialischen Jedermann.
Wer außer der zauberhaften Birgit Minichmayr kann sich neben Ofczarek am besten behaupten? Es ist der Tod, erneut verkörpert von Ben Becker. Auch er ist ein kraftvoller Schauspieler und wirkt enorm in seiner grausamen grauen Gestalt. Allerdings hat er sich diesmal mit seiner rauen Stimme zurückgenommen. Besorgt scheint er bei seiner ersten Begegnung mit Jedermann, beim bedeutungsvollen Blickkontakt. Unwillig fast drängt er den Todgeweihten zum Gehen, zur Läuterung. Die sparsame Auslegung bei so viel Lust zur Übertreibung im Sterben hat dieser Rolle gut getan. Becker gäbe wohl auch einen interessanten Jedermann ab.
Auf ohrenbetäubende 100 Dezibel sollte man es stimmlich schon bringen, wenn man den Jedermann an den Tod gemahnen will. Anlässlich des 90-Jahr-Jubiläums veranstalten die Festspiele ein Rufer-Casting.