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Missbrauch: 320 Fälle und eine "Wien-Kommission"

(c) BilderBox (Erwin Wodicka)
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Für September plant die Stadt Wien ihre eigene Kommission. Die Historikerkommission soll sexuellen Missbrauch und Gewalt in städtischen Kinderheimen vor der Kinderheimreform im Jahr 2000 untersuchen.

Wien (uw). Knapp vier Monate arbeitet die Opferschutzkommission unter der Leitung von Waltraut Klasnic schon. Die Zwischenbilanz? 320 Fälle und (erst) eine Sachverhaltsdarstellung an die Staatsanwaltschaft. Allerdings: Diese eine könnte Kreise ziehen. Wie berichtet, handelt es sich dabei um Vorwürfe wegen sexuellen Missbrauchs und Gewalt gegen die Schulbrüder in Wien und Bad Goisern. Doch laut Staatsanwaltschaft Wien könnten sich aus der Sachverhaltsdarstellung auch Ermittlungen gegen andere kirchliche Wiener Institutionen ergeben – man sei aber erst dabei, die Unterlagen durchzuarbeiten. Bei den Schulbrüdern selbst ist man in Wartestellung: „Wir wissen noch immer nicht, um welche konkreten Vorwürfe es geht“, sagt Provinzial Johann Gassner.

 

Tatort Kinderheim

Inzwischen arbeitet die Stadt an ihrer eigenen Kommission. Die Historikerkommission soll ab September sexuellen Missbrauch und Gewalt in städtischen Kinderheimen vor der Kinderheimreform im Jahr 2000 untersuchen. Allerdings gehe es dabei nur um die Aufarbeitung der Geschichte und nicht einzelner Fälle, heißt es aus dem Büro des zuständigen Stadtrats Christian Oxonitsch (SPÖ). Wobei: Fälle gäbe es wohl genug. Bei der im März eingerichteten Hotline der Wiener Kinder- und Jugendanwaltschaft gingen bisher 47 Fälle zu städtischen Heimen ein, zwölf wurden an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet. „Fast alle datieren aus der Zeit zwischen 1950 und 1985“, sagt Jugendanwältin Monika Pinterits. Auch beim Wiener Anwalt Georg Zanger, der viele der Opfer kirchlicher Gewalt vertritt, mehren sich Anfragen zu städtischen Kinderheimen – „es scheint dabei nicht um Einzelfälle zu gehen, sondern eine Systematik dahinterzustecken“, sagt Zanger. Für die Aufarbeitung der Fälle, meint er, wäre eine Einrichtung nach dem Vorbild der Klasnic-Kommission sinnvoll.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.07.2010)