Tabellenführer, 2:1-Sieg gegen Rapid: Die Schöttel-Truppe legt einen tollen Start hin. Der Mut, Schlüsselpositionen mit Jungen zu besetzen, wurde belohnt. Rapids Jungspunde blieben in ihrer Entwicklung stecken.
WIEN. Während Fußballfans und Kommentatoren über Rapids Bundesliga-Fehlstart und die eklatante Abwehrschwäche diskutieren, ist in Wiener Neustadt am Tag nach dem 2:1-Sieg gegen den Rekordmeister fast schon der Alltag eingekehrt. Die Homepage der Niederösterreicher verrät erst auf den zweiten Klick, was am Sonntag geschehen ist. Und Trainer Peter Schöttel steigt auf die Euphorie-Bremse: „Unser Ziel ist es nach wie vor, den Abstand zu den Großen zu verringern.“
Schöttel gibt nichts auf eine Tabellenführung nach zwei Spieltagen. Was ihn allerdings freut, ist die Leistung seiner jungen Schlüsselspieler. Der Sieg gegen Rapid führte nicht zuletzt über den 23-jährigen Michael Stanislaw und den 21-jährigen Alexander Grünwald. Die beiden spielten im zentralen, defensiven Mittelfeld eine großartige Partie, störten über lange Phasen den Hütteldorfer Spielaufbau und füllten im Notfall auch die Lücken in der Abwehr, als diese am Ende der Partie dem Rapid-Druck kaum noch standhalten konnte. Auch das Umschalten in den Angriff lief oft über Grünwald.
„Normalerweise werden diese Positionen im defensiven Mittelfeld mit Routiniers besetzt“, sagt Schöttel. Warum er zwei Jungspunde dort hinstellt, wo man eigentlich viel Erfahrung braucht? „Weil sie gut sind“, sagt er.
Die Angst vor dem Jugendwahn
Die Erfahrung im Spiel des FC Magna findet man in der Innenverteidigung in der Person von Pavel Kostal. Der 30-jährige Tscheche stand mit seinen 1,90 Metern und 90 Kilo wie ein Fels in der Rapid-Brandung. An seiner Seite wuchs dann auch der 20-jährige Thomas Kral (1,87 Meter) über sich hinaus. Die beiden hatten die Lufthoheit im Strafraum meist unter Kontrolle – und mit dem Slowenen Saso Fornezzi einen Hexer im Tor, der Rapid mit seinen Paraden zur Verzweiflung brachte. Und vorne? Da wirbelte der 21-jährige Guido Burgstaller die Rapid-Abwehr durcheinander und schoss das 2:0.
Fast scheint es, als ob Schöttel gar kein großes Aufsehen um seinen jungen Spieler machen will. Dass Burgstaller, Grünwald und Verteidiger Christian Ramsebner im U21-Teamkader stehen, ist wohl Auszeichnung genug. Empfehlungen an Teamchef Didi Constantini werde er „sicher keine“ abgeben, betont Schöttel.
Denn was geschieht, wenn Talente viel zu schnell ins Nationalteam gehypt werden, sieht man sehr gut bei Rapid. Christopher Drazan, Veli Kavlak, Yasin Pehlivan und Christopher Trimmel wurden sehr jung hochgejubelt, ins A-Team einberufen und stecken nun in ihrer Entwicklung fest. Rapid-Trainer Peter Pacult hatte wohl eine Vorahnung, als er vor zwei Jahren kritisierte, dass junge Spieler „nur zweimal mit dem Hintern wackeln müssen“, um ins Team zu kommen.
Von einer Teamreife sind die jungen Rapidler mittlerweile weit entfernt. Und die Auslosung beschert den angeschlagenen Hütteldorfern am Sonntag ein Heimspiel gegen Meister Salzburg und anschließend Sturm Graz auswärts. Zwei weitere Pleiten und bei Rapid wackelt kein Hintern, sondern wohl eher ein Trainerstuhl. Einige Rapid-Fans hatten bereits nach der Pleite gegen Wiener Neustadt die Nase voll. Vereinzelte „Pacult raus“-Rufe waren zu hören. Und begehrlich blickte so mancher Rapidler zum einzigen „Rapidler“, der an diesem Sonntagabend jubeln durfte: Peter Schöttel.
„Am Ende der Saison werden wieder Salzburg, Rapid und die Austria vorne sein“, glaubt Schöttel und betont tags darauf: „Aber wir sind in der Lage den Großen jederzeit ein Bein zu stellen.“ An Rapid denkt er dabei nicht mehr. Am Sonntag empfängt Wiener Neustadt die Austria.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.07.2010)