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KMU: Soll der Staat Aktionär werden?

Wird sich der Staat an Friseursalons beteiligen, die in Schieflage geraten sind?
Wird sich der Staat an Friseursalons beteiligen, die in Schieflage geraten sind?REUTERS
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In der Krise unterstützte die öffentliche Hand Betriebe mit Krediten. Doch drohen Konkurse, wenn die Maßnahmen auslaufen. Der Staat als Anteilseigner könnte Abhilfe schaffen.

Wien. Um die Folgen des Coronavirus-Lockdown abzufedern, haben die Regierungen in Europa rasch Hilfsprogramme für ihre Volkswirtschaften auf den Weg gebracht. Nun beschäftigen sie sich mit dem nächsten Problem: Wie eine Kaskade von Konkursen zu verhindern ist, die die Konjunkturerholung gefährden könnten.

Unter Regierungsvertretern und Ökonomen findet eine Idee Anklang, die wohl nicht allen gefallen dürfte: dem Staat die Beteiligung an kleinen und mittelgroßen Unternehmen zu ermöglichen. Die Europäische Kommission und die Bank of England haben sich für das Konzept starkgemacht. Das französische Finanzministerium prüft diese Option, wie auch das Bundeswirtschaftsministerium in Berlin. Unterstützung erhält der Ansatz vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK), demzufolge fast die Hälfte seiner Mitglieder unter einem Kapitalmangel leidet. Auch in Österreich soll eine ähnliche Lösung angedacht werden, die aber privatwirtschaftlich organisiert wäre.

 

KMU fühlen sich benachteiligt

Unterstützung in Form von Eigenkapital ist an sich nicht neu – Banken wurden während der globalen Finanzkrise gerettet, und Deutschland hält immer noch mehr als 15 Prozent der Anteile an der Commerzbank. Doch führte der Fokus auf große Unternehmen zu Unzufriedenheit, denn kleinere angeschlagene Firmen, bei denen die überwiegende Mehrheit der Arbeitnehmer beschäftigt ist, wurden dabei nicht berücksichtigt.

Eine Beteiligung der öffentlichen Hand würde dem Staat jedoch eine noch größere Rolle bei der Steuerung der Wirtschaft geben und unweigerlich zu Vorwürfen führen, dass so wirtschaftliche Gewinner und Verlierer bestimmt würden. Ökonomen, die solche Vorschläge unterstützen, sagen jedoch, dass zusätzliche Kredite an KMU die Wirtschaft zu sehr schwächen würden.

Es bestehe das Risiko, dass Unternehmen während der Krise ihre Schulden so stark erhöhen müssen, dass umfangreiche Investitionen danach erschwert würden, sagte Jan Krahnen, Direktor des Leibniz-Instituts für Finanzforschung SAFE in Frankfurt und einer der Autoren eines Eigenkapitalvorschlags für die EU. Eine andere Form der Finanzierung würde dem entgegenwirken.

Der Vorschlag von Krahnen und fünf Ökonomen von anderen Universitäten plädiert für einen „Europäischen Pandemie-Beteiligungsfonds“, der Bar-Investitionen tätigen würde und im Gegenzug Anteile an zukünftigen Gewinnen erhielte. Er wäre offen für Unternehmen jeder Größe, und Unternehmen könnten sich letztlich zu einem vorher festgelegten Preis aus dem Plan herauskaufen.

 

Angst vor mehr Pleiten

Die EU-Kommission hat die Zahlungsfähigkeit von Unternehmen in dieser Woche als Hauptrisiko eingestuft und davor gewarnt, dass ein Anstieg der Insolvenzen den Pandemieschock verstärken und verlängern könnte, während die Zahl notleidender Kredite steigt. Allein in diesem Jahr werden schätzungsweise 720 Milliarden Euro benötigt, um das Überleben sonst lebensfähiger Unternehmen in der EU zu sichern.

„Wir treten in eine Phase ein, in der die Zahlungsfähigkeit von Unternehmen erschüttert werden könnte, da die nationalen Regierungen beginnen könnten, die in der ersten Phase der Krise eingerichteten Hilfen zu reduzieren“, analysiert Laurence Boone, Chefökonom der OECD. „Wo staatliche Hilfen in Form von Kapitalzuführungen gewährt wurden, werden Unternehmen widerstandsfähiger sein“, sagt Boone. (Bloomberg)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.07.2020)