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Kolumne zum Tag

„Wenn andere im Slang sprechen, ist das cool. Bei mir ist es Ghetto“

U.S. President Barack Obama talks about the shooting of Florida teenager Trayvon Martin as he introduces Jim Yong Kim,
Barack Obama war während seines ersten Wahlkampfs nicht aus der Ruhe zu bringen – trotz massiver Untergriffe auch aus den eigenen Reihen.imago images/UPI Photo
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In dem Film „The Hate U Give" kommt ein Phänomen zur Sprache, das auch in Österreich vielen Menschen mit Migrationshintergrund nur allzu vertraut ist.

Es gibt da diese Szene in dem Film „The Hate U Give“, einem amerikanischen Drama über Rassismus und Polizeigewalt aus dem Jahr 2018. Die 16-jährige farbige Hauptdarstellerin Starr, die mit ihrer Familie in einem verarmten Stadtviertel lebt, aber auf Initiative ihres Vaters eine Privatschule mit Jugendlichen aus der weißen Oberschicht besucht, schildert aus dem Off ihren dortigen Alltag – der geprägt ist von dem Gefühl, fremd und unwillkommen zu sein.

„Wenn die anderen im Slang sprechen, ist das cool. Wenn ich das mache, ist das Ghetto“, stellt sie schon bald fest. Deswegen versucht sie, perfekt zu reden und perfekt zu leben. Eckt niemals an. Geht jedem Konflikt aus dem Weg. Wenn sich ein Mitschüler in der Kantine vordrängt, steckt sie zurück, schluckt den Frust runter und schweigt, anstatt ihn in die Schranken zu weisen. „Und dafür hasse ich mich“, sagt sie.

Im Zweifel den Mund zu halten und Mikroaggressionen zu dulden, um ignoranten, unreflektierten und intoleranten Menschen keine Angriffsfläche zu bieten, ist entwürdigend und kann auf Dauer nicht gutgehen. Das muss es aber. Denn was ist die Alternative? Zu akzeptieren, dass persönliche Emotionen und Reaktionen auf den kulturellen Hintergrund zurückgeführt werden, anstatt sie als Ausdruck der Individualität wahrzunehmen?

Dafür könnte man eine Million Beispiele bringen. Wie dieses hier: Barack Obama wurde während des ersten Wahlkampfs trotz übelster öffentlicher Untergriffe nicht ein einziges Mal laut, ungehalten oder emotional. Erklärt wurde das damit, dass er um jeden Preis vermeiden musste, wie ein „wütender schwarzer Mann“ zu wirken. Das wäre sein politisches Todesurteil gewesen.

Die tragische Ironie daran ist, dass ihm das nicht einmal schwergefallen sein dürfte, denn sehr wahrscheinlich macht er das schon sein ganzes Leben so – und blendet damit Facetten seiner Persönlichkeit einfach aus. Wie Millionen andere Menschen, die mit diesem Gefühl zu leben gelernt haben. Und sich dafür hassen.

E-Mails an: koeksal.baltaci@diepresse.com