Leserstimmen

Maskenverweigerer und Misstrauen: Die Erfahrungen der "Presse"-Leser mit der "neuen Normalität"

Die Regierung setzte nach dem Lockdown auf Eigenverantwortung - das hat nicht immer gut funktioniert. Was „Presse"-Leser dazu zu sagen haben.

In der Diskussion über Sicherheit und richtiges Verhalten in der Coronakrise wird oft der gefährlichste Punkt ausgelassen, nämlich die Bahn. Ich habe mehrmals gesehen, dass die Maskenpflicht von Fahrgästen nicht eingehalten wird. "Höhepunkt" war gestern Abend, als ich in einem überfüllten Railjet von Linz nach Wien feststellen musste, dass unglaublicherweise ca. ein Viertel der Fahrgäste keine Maske trug. Das gab in dicker Luft einen Infektionsherd der Sonderklasse. Da wären saftige Strafen wie zu Anfang der Pandemie angebracht. So wird es zu einer zweiten Welle kommen.
Wenn man einen Schaffner darauf aufmerksam macht, verkrümelt sich dieser schnellstmöglich. Von einem Unternehmen wie den ÖBB darf man erwarten, dass es sich für die Sicherheit seiner Fahrgäste verantwortlich fühlt. Ich würde erwarten, dass [*] sie in einer Durchsage an die Maskenpflicht erinnern und betonen, dass das keine unverbindliche Empfehlung ist und dass die Maske wirkungslos ist, wenn sie nicht über die Nase gezogen ist,
[*] dass sie die Schaffner anweisen, auf Verstöße höflich aufmerksam zu machen. Verweigerer gibt es immer, aber so würden sicher 99 Prozent der Verstöße wegfallen.
Ich für meine Person muss nun wieder auf das Auto zurückgreifen, weil mir die Bahnfahrt derzeit zu gefährlich ist.
Univ.-Prof. Gottfried Kitzmüller, 1180 Wien

Jeden Tag nimmt die Anzahl der Johnny Lässigs ohne Maske in den Linzer Öffis zu. Nächstenliebe und Verantwortung gegenüber den Mitmenschen verlangte es von mir, aufzustehen und die Leute zu konfrontieren. Meine Eindrücke.
Ein junger Mann: "Was juckt's dich?" Mich juckt's - und alle anderen, die eine Maske tragen, juckt's auch! Die, die sich durch die Maske eingeschränkt fühlen, schränken unser aller Leben ein, ja gefährden es, indem sie keine Maske tragen. Eine Frau: "Ich habe mich entschieden, ich bin gesund, brauche keine Maske!" und: "Die Verordnung der Bundesregierung gilt nicht für alle Menschen!" Welch unglaubliche Ignoranz!
Es kann nicht sein, dass wir alle uns einer erhöhten Gefahr aussetzen müssen, weil einige wenige nur auf sich selbst schauen. Es kann nicht sein, dass die Linz AG mit den Schultern zuckt und meint, sie könne nichts unternehmen. Ich wünsche mir mehr Zivilcourage. Ich fordere starke, sichtbare Kontrollen in Straßenbahnen durch die Polizei, klare Verwaltungsstrafen. Stichprobenweise sollen schon Polizeikontrollen gemacht werden. Zu wenig! Die Polizei muss ein klares Zeichen im Sinne der Generalprävention setzen. Das muss geschehen, jetzt! Die Zahl der Maskenverweigerer und die Infektionszahlen gehen nach oben.
Florian Wurm, BA, Lerncoach, 4020 Linz

Hausverstand und Eigenverantwortung lassen viele Leute bei ihrer Shoppingtour zu Hause.

Kleider, Hosen, Schuhe, Schmuck, Taschen, Geschirr - alles Mögliche habe ich bei meiner Tour durch das Outletcenter Parndorf gesehen - nur keinen Babyelefanten. Das macht mich traurig, habe ich mich doch schon so an ihn gewöhnt. Menschen aus aller Herren Länder sind durch die inszenierte Einkaufsmeile gewuselt und haben sich in Geschäfte gedrängt, die sowieso überfüllt gewesen sind. Das noch dazu unmaskiert, obwohl hier Babyelefanten keinen Platz gehabt hätten. Ich habe die Tierpfleger vermisst, die auf den kleinen Elefanten hätten aufpassen sollen. Nur leicht übersehbare Schilder an den Ladentüren haben auf ihn hingewiesen.
Äußerst unverantwortlich finde ich es, unkontrolliert Menschen in einen begrenzten Bereich zu lassen und den Lebensraum unseres Elefanten zu zerstören. Hausverstand und Eigenverantwortung lassen viele Leute bei ihrer Shoppingtour zu Hause. Nicht nur zum Artenschutz des Babyelefanten, auch zum Schutz der Bediensteten und von uns allen sollen die Verantwortlichen Maßnahmen ergreifen, damit nicht große Einkaufszentren Brutstätten einer neuen Coronawelle werden. Es wäre schade, wenn wir durch disziplinlose Menschen wieder an den Anfang unserer Bemühungen zurückmüssten.
Daniela Pongratz, 8430 Leibnitz

Soeben von einem Verwandtenbesuch in München zurückgekehrt, wundern wir uns mit steigendem Ärger, wie unverantwortlich nachlässig in Österreich mit Maskenpflicht und Abstandsregeln umgegangen wird. In München und ganz Bayern ist die Maskenpflicht in allen Geschäften, Lokalen, Museen, Kirchen etc. selbstverständlich. Die Abstandsregeln werden in Restaurants, selbst in den Biergärten beim Anstellen an der Schank, peinlichst genau eingehalten. Niemand ist in den Öffis ohne Maske unterwegs, die "Nasenrausstrecker" sind im Laufe eines Tages an den Fingern einer Hand abzuzählen. Durch diese Gewöhnung reagiert auch jeder schon automatisch und hält die Regeln ein - die auch immer wieder kontrolliert werden, insb. die Tischabstände in den Lokalen.
Zurück in Wien, fühlen wir uns in U-Bahn-Stationen, Supermärkten, Einkaufsmeilen etc. durch maskenlose, d. h. rücksichtslose Mitmenschen bedroht und fragen, warum wir die so hart errungenen Erfolge durch Inkonsequenz so leichtfertig aufs Spiel setzen!
Mag. Manfred Mohl, 1120 Wien

Sieht so unsere neu erworbene Freiheit und unser Miteinander aus?

Man kann zum Lockdown, den uns unsere Politiker auferlegt haben, stehen, wie man will, Faktum ist: Covid-19 konnte gut in Schach gehalten werden. Bei aller Vor- und Fürsorge für das Volk hätte man dieses aber nicht in Panik versetzen müssen. Gehorsam und gelehrig wie wir sind, hätten wir auch ohne schreckliche Bilder und Horrorzahlen in den Medien unseren Mund-Nasenschutz getragen, den Abstand eingehalten und unsere Risikogruppen mit unseren Besuchen verschont. Etwas Eigenverantwortung hätte man uns zutrauen dürfen. (Ausnahmen bestätigen immer die Regel!) Ich halte es für weitaus gefährlicher, dass es einer viralen Infektion gelungen ist, einen Keil in die Gesellschaft zu treiben. Die einen wollen schnellstmöglich ihre Freiheit erobern, lassen immer häufiger die "Maske", aber auch den "Maulkorb" fallen, während die anderen immer noch auf "Abstand" gehen sowie mit Angst infiziert zu sein scheinen.
Das wird nach den Lockerungen sichtbar. Die Menschen sind reserviert, sind erbost, wenn der Abstand zu gering ist, noch immer macht sich übertriebene Angst breit. Sieht so unsere neu erworbene Freiheit und unser Miteinander aus? Sollte uns eine zweite Welle ereilen, fordere ich die Regierung auf, etwas gemäßigter zu agieren. Denn: Angst ist einer der schlechtesten Ratgeber.
Daniela Pichler, 5324 Hintersee

Ohne die Coronapandemie zu unterschätzen, angepasste Vorkehrungen mit weiteren Vorsichtsmaßnahmen als sehr wichtig erscheinen, sei es mir erlaubt, folgende Bewertung einzubringen: Nicht alle positiv Getesteten sind in Todesgefahr.
Wer viel testet, findet auch viele Covid-19-Fälle - und das ist auch gut so, denn die Infizierten könnten das Virus jederzeit weiterverbreiten, ohne es zu wissen. Sorgen bereitet mir auch dieses schleichende Misstrauen, diese komische Stimmung trotz eingehaltener Regeln, erkennbar bei vielen verunsicherten Erwachsenen und deren Kindern. Regionale Cluster, grenzüberschreitende Gefahren, Infektionswege so schnell wie möglich erkennen, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern - all das steht ja laut Bundeskanzler Sebastian Kurz im Vordergrund.
Außerdem ist unser Gesundheitssystem - auch im internationalen Vergleich gesehen - hervorragend aufgestellt.
Alois Neudorfer, 4840 Vöcklabruck

Das Risiko muss minimiert werden, aber null Risiko ist nicht realisierbar.

Bei mir als HNO-Arzt melden sich die ersten Eltern, die für ihre Kinder ein Attest benötigen, dass keine Covid-Erkrankung besteht. Schon bei Schnupfen und Husten reagieren Schulen und Kindergärten hysterisch. Ich fordere die Experten der Regierung auf, klare, lebbare Regelungen zu schaffen. Wenn im Herbst jedes verkühlte Kind einen teuren Corona-Test benötigt und bis zum Ergebnis zu Hause bleiben muss, ist das weder praktikabel noch zumutbar. Und auch nicht sinnvoll. Das Risiko muss minimiert werden, aber null Risiko ist nicht realisierbar.
Dr. Reinhard Kürsten, 1010 Wien

Zwei Gedanken zur "Zweite Welle"-Berichterstattung:
[*] Wieso kann nicht wenigstens ein Qualitätsmedium wie "Die Presse" zwischen infizierten und erkrankten Personen unterscheiden? Es wird ja auch nicht über jeden Zeckenbiss, sondern nur über die Erkrankten berichtet? Diese ständige Panikmache ist unerträglich!
[*] Seit Beginn des dritten Jahrtausends scheint die Menschheit Leben mit Vermeiden des Sterbens zu verwechseln . . . Wir sollten uns eher darauf besinnen, jetzt zu leben, als ständig darüber nachzudenken, ob wir vielleicht morgen sterben!
Mag. iur. Helmut Schmutz, 3002 Purkersdorf

Die Touristen werden am Ende des Tages vor lauter Angst zu Hause bleiben.

Allein schon das Betreten eines Flughafens ist in der viel beschworenen "neuen Wirklichkeit" trotz aller Lockerungen zu einem Risiko geworden. Stolz wird der "Test-Flughafen" Wien-Schwechat präsentiert, wo Wärmebildkameras die Temperatur jedes Reisenden eruieren. Aber Antworten auf die wichtigsten Fragen können derzeit weder Reisebüros noch Flugbehörden noch Politiker geben: Was passiert, wenn man mit erhöhter Temperatur das Flughafengelände im In- oder Ausland betritt (was nicht zwangsläufig heißen muss, an Corona erkrankt zu sein)? Wer kommt für die Kosten auf, wenn man dann vom Arzt wahrscheinlich stundenlang untersucht wird und seinen Flug verpasst oder im Ausland in Quarantäne muss? Weiterhin wollen Versicherungen nicht für Coronafälle haften, da es sich um eine Epidemie handelt. Mit solchen Maßnahmen wollen Flugbehörden Reisenden mehr Sicherheit geben, während sie in Wirklichkeit nur noch mehr Unsicherheiten erzeugen und Touristen am Ende des Tages vor lauter Angst zu Hause bleiben werden.
Mag. Stefan Haderer, 1190 Wien

Der Flug von Wien nach Hamburg mit Eurowings war vorbildlich organisiert: Jeder Mittelplatz blieb unbesetzt, alle Passagiere trugen Mundschutz. Die Kabinencrew erklärte vor Abflug die Vorschriften und teilte mit, dass keine Snacks und Getränke ausgegeben werden. Der Flug lief geordnet ab, und man fühlte sich sicher.
Der Flug von Hamburg nach Wien mit der AUA würde genauso ablaufen, dachte man. Aber: sehr kleine Maschine, ausgebucht und bis auf den letzten Platz besetzt.
Ausgegeben wurde nur Wasser. Das wurde aber vorher nicht angekündigt, also haben Passagiere ihre Masken abgenommen, um lautstark nach Cola, Tomatensaft etc. zu fragen. Um dann Wasser zu trinken. Ständig kam über Lautsprecher die Aufforderung, Abstand zu halten - was mit verzweifeltem Gelächter der wie Sardinen eingepferchten Passagiere quittiert wurde. Beim Aussteigen dann Gedränge wie vor Corona: Bei Erreichen der Parkposition standen die meisten Passagiere auf und warteten gedrängt im Mittelgang.
Wie die österreichische Fluglinie mit den Steuerzahlern, welche soeben mit Steuergeld ihre Existenz gerettet haben, umspringt, ist verantwortungslos und gemeingefährlich. Zudem fragen wir aus der Zunft der darstellenden Kunst, weshalb dann die Hygiene-Auflagen für unsere Theater so repressiv und strikt sind. Wir finden das notwendig und gut, obwohl unsere Existenzen bedroht sind. Wir spielen in Sälen für 1000 Zuschauer vor 250 Leuten dreimal hintereinander, für dieselbe Gage, damit die Abstände gewahrt werden können.
Dann fliegen sie mit der AUA und tappen regelrecht in die Falle.
Peter Simonischek, 1010 Wien

Drei Maßnahmen haben Österreich geholfen, die Auswirkungen der Pandemie zu beschränken: die Schließung der Grenzen vor allem zu jenen Ländern, in denen das Virus am stärksten wütete, die Abstandsregel und das Tragen der Masken. Was aber nützt uns Daheimgebliebenen die disziplinierteste Befolgung der beiden Letzteren, wenn uns Urlaubsheimkehrer aus Mallorca, nach dortigem Kontakt mit Touristen aus dem Nicht-EU-Land England, eine "zweite Welle" importieren werden? Diese unkritische Grenzöffnung ist eine weitere von zahlreichen inkonsequenten Entscheidungen im Umgang mit dem Coronavirus.
Univ.-Prof. Dr. Peter Lechner, 3400 Klosterneuburg

"Oida, schleich di ham sterben."

Nahezu täglich erfahren Jugendliche vom Gesundheitsminister bzw. den Medien, dass sie bei einer Ansteckung mit dem Coronavirus, wenn überhaupt, dann mit einem milden Krankheitsverlauf rechnen können. Ihr Wille, verordnete Maßnahmen gegen Ansteckung einzuhalten, hält sich daher sehr in Grenzen.
Anlässlich einer Radtour versperrte ein Pkw mit offenen Türen, besetzt mit Eis schleckenden Teenagern, den Radweg. Auf mein Ersuchen, zumindest eine Türe zu schließen, erntete ich den Zuruf: "Oida, schleich di ham sterben."
Martin Brunbauer, 9073 Klagenfurt

Nicht zuletzt aufgrund meiner Haarfarbe bin ich auch mit Maske deutlich als Mitglied der Corona-Risikogruppe zu erkennen. So stand ich im größten Supermarkt der SCS brav an der Kasse angestellt, die Ein-Meter-Babyelefant-Markierungen deutlich und mehrfach am Boden. Der junge Mann hinter mir geht - buchstäblich - mit mir auf Tuchfühlung. Die Bitte, den Abstand entsprechend den Bodenmarkierungen einzuhalten, entgegnet er mit Sachargumenten wie - in die Schriftsprache übersetzt - "das ist ein Blödsinn" und "es freut mich nicht". Nach meinem Hinweis, dass es zu dieser Frage auch andere Ansichten gebe, wurde ich mit "Heast Oida, du bist a O...loch" klassifiziert.
Ich kann das schon aushalten. Weniger zu ertragen ist die Tatsache - und die tagtäglichen Beobachtungen bestätigen dies -, dass weite Kreise der Bevölkerung diesbezüglich eine ausgeprägte Wurstigkeit, Selbstgefälligkeit, Gedankenlosigkeit an den Tag legen. Nicht nur am Donaukanal oder in öffentlichen Verkehrsmitteln.
Unsere Politiker sehen - nicht nur in Oberösterreich - jetzt schon die ersten Rückschläge der bequemen und populistischen Laissez-faire-Politik. Werden wir auf die zweite Welle bis zum Herbst warten müssen? Noch scheint es Zeit zu sein, mit klugen Einschränkungen des social distancing die derzeitigen Trends wieder zum Guten zu kehren, ohne dabei die Lebensqualität der Bürger und die Bedingungen für die Wirtschaft inakzeptabel zu beeinträchtigen.
Gerhard Kappel, 2522 Oberwaltersdorf

Das kollektive Hamsterrad nimmt wieder an Schwungkraft auf

Viel war in der Zeit des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lockdown von Wertewandel, Innehalten und Entschleunigung die Rede. Es schien, als könnte durch das "weltweite Niederfahren der Gesellschaft", wie wir sie bis zu diesem Zeitpunkt kannten, so etwas wie eine "Zeitenwende" einsetzen. Scheinbar war die "Auszeit" dafür zu kurz und die damit verbundene Lernkurve zu flach. Kurzfristig zumindest. Anders ist es für mich nicht zu erklären, dass beispielsweise am Tag der Öffnung großer Einkaufszentren und Baumärkte diese regelrecht gestürmt wurden. Ein ähnliches Bild zeichnet sich in den Partyhotspots nach Hochfahren der Gastronomie und des Tourismus ab. Bei allem Verständnis für die fatalen Folgen des wirtschaftlichen Lockdown sowie für den Beziehungs- und Kontakthunger und den damit verbundenen Wunsch jedes Einzelnen nach freier Bewegung nach Wochen zwangsverordneter Isolation stellt sich für mich die Frage des rechten Maßes.
Das kollektive Hamsterrad nimmt wieder an Schwungkraft auf und scheint sich vielerorts schneller zu drehen als je zuvor. Vieles scheint, nicht nur wirtschaftlich gesehen, aufgeholt werden zu müssen. Bleibt abzuwarten, ob wir es finden, das rechte Maß. Zu wünschen wäre es uns allen.
Mag. Bernhard Wappis, Krumpendorf

(sk)