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Tschetschenen-Mord

„Österreich verurteilt die Tötung zutiefst“

Mamichan U. wurde in Gerasdorf ermordet.
Mamichan U. wurde in Gerasdorf ermordet.APA/HERBERT P. OCZERET
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Nach einem Treffen des Generalsekretärs des Kanzleramts mit dem russischen Botschafter hieß es, die Aufklärung des Mordes an dem tschetschenischen Videoblogger Mamichan U. habe „höchste Priorität“.

Wien. Nach dem vor einer Woche im niederösterreichischen Gerasdorf verübten Mord an dem tschetschenischen Flüchtling Mamichan U. (er hatte den Namen Martin B. angenommen) hat es bereits am Donnerstag diplomatische Kontakte zwischen Österreich und Russland gegeben. Dies wurde am Freitag vom Bundeskanzleramt bestätigt.

Der Generalsekretär des Kanzleramts, Bernd Brünner, hatte den russischen Botschafter Dmitrij Ljubinskij zu einem Gespräch über bilaterale Themen empfangen. Dabei kam auch die Bluttat zur Sprache. „Österreich verurteilt die Tötung zutiefst“, erklärte ein Kanzleramtssprecher der Austria Presse Agentur. Und: „Derartige Gewaltexzesse haben in Österreich nichts zu suchen. Eine rasche Aufklärung der Gewalttat ist höchste Priorität der österreichischen Behörden.“

In einer Erklärung der Botschaft hieß es: „Von russischer Seite wurde die Bereitwilligkeit zu einem engen Zusammenwirken bestätigt.“

Zuvor hatte die außenpolitische Sprecherin der Grünen, Ewa Ernst-Dziedzic, im „Presse“-Interview gemeint: „Wenn sich der Verdacht in Richtung Russland erhärtet, darf Österreich nicht schweigen.“

Am Donnerstag hatten sowohl der Kreml als auch das russische Außenministerium und der tschetschenische Regionalpräsident, Ramsan Kadyrow, jegliche Verantwortung für die Bluttat zurückgewiesen.

Mamichan U. (43) war in Videos als „Ansor aus Wien“ aufgetreten. Er hatte Tschetscheniens autoritären Führer, Kadyrow, in Videos beschimpft. U. starb, nachdem er von mehreren Kugeln getroffen worden war. Ein Schuss in den Kopf gilt als unmittelbare Todesursache. Dies hatte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft Korneuburg, Gudrun Bischof, mitgeteilt. Der Mann war – dem vorläufigen Obduktionsergebnis zufolge – auch mehrfach am Oberkörper getroffen worden. Am Tatort in Gerasdorf sind zwei Faustfeuerwaffen sichergestellt worden. Die Tatwaffe selbst wurde bisher aber nicht aufgefunden.

Als mutmaßlicher Mörder sitzt ein 47-jähriger Tschetschene in U-Haft. Ein 37-jähriger Landsmann, der als Komplize gilt, befindet sich ebenfalls in Gewahrsam. Beide Männer schweigen. Sowohl den Verdächtigen als auch dem Opfer hatte zuletzt die Aberkennung des Asylstatus gedroht. Mamichan U. war bereits wegen Schlepperei, Vortäuschen einer mit Strafe bedrohten Handlung und falscher Beweisaussage verurteilt – und erst vorigen September aus der Haft entlassen worden.

 

Keine Entschädigung

Indessen wurde bekannt, dass nach dem 2009 in Wien Floridsdorf verübten Mord an dem Exil-TschetschenenUmar Israilov noch immer keine Entschädigung an die Hinterbliebenen ausbezahlt wurde. Das Verwaltungsgericht Wien hat schon vor mehr als fünf Jahren festgestellt, dass es vor dem Mord zu Behördenversagen (fehlender Personenschutz) gekommen sei.

Verhandlungen mit der Finanzprokuratur hinsichtlich der Entschädigungsansprüche hätten bisher zu keiner Einigung geführt. Dies gab die Anwältin der Familie, Nadja Lorenz, bekannt. Daher sei eine Klage gegen die Republik eingebracht worden. Diese sei immer noch anhängig. (m.s./APA)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.07.2020)