Schnellauswahl
Suchtprävention

Sucht auch abseits klassischer Milieus

Verschiedene Suchtmittel und unterschiedliche Personenkreise erfordern jeweils angepasste Präventionsstrategien.
Verschiedene Suchtmittel und unterschiedliche Personenkreise erfordern jeweils angepasste Präventionsstrategien.Getty Images/Monticello
  • Drucken

Ausbildungen für Suchtberatung, -therapie und -vorbeugung machen auch andere Lebenswelten zum Thema als das gemeinhin mit Drogenkonsum assoziierte Milieu.

Zu den vielfältigen negativen Auswirkungen der Covid-19-Krise gehört auch, dass die psychische Belastung der Bevölkerung steigt und damit das Thema Suchtmittelmissbrauch zusätzliche Aktualität erhält. „Der Konsum von Suchtmitteln in problematischem Ausmaß geht in der Regel auf psychische Grundprobleme zurück“, sagt Kurt Fellöcker, Leiter des Masterlehrgangs Suchtberatung und Prävention der Fachhochschule St. Pölten. Die derzeitige Krise lasse daher schon jetzt ein Ansteigen des problematischen Konsums von Suchtmitteln erwarten. Laut Fellöcker liegen bereits die Ergebnisse einer größeren Studie der Donau-Universität Krems zu den psychischen Problemen durch die Covid-19-Sperrungen vor. „Sie zeigt einen deutlichen Anstieg von Depressionen, Angst und Schlaflosigkeit, mit Steigerungen um circa 20 Prozent“, berichtet der Suchtexperte. Auch Psychotherapeuten seien befragt worden und hätten zu 70 Prozent von ausschließlich negativen Auswirkungen der Corona-Maßnahmen auf ihre Patienten berichtet. Besonders auffällig sei die Verschlimmerung bestehender Suchterkrankungen, aber auch anderer Symptome.

Ausbildungen für den professionellen Umgang mit Sucht waren in Österreich, das in puncto Alkohol- und Nikotinkonsum in internationalen Statistiken weit vorne liegt, jedoch auch vor den aktuellen Entwicklungen von Bedeutung. Der von Fellöcker geleitete Lehrgang ist das längst bestehende akademische Programm auf diesem Gebiet. Er wurde 2005 als Masterlehrgang von der FH St. Pölten und dem Verein Sozaktiv ins Leben gerufen (zuvor gab es einen entsprechenden Diplomlehrgang). Es besteht auch eine Kooperation mit der Suchtklinik des Anton-Proksch-Instituts in Kalksburg. Um neben dem nötigen Wissen die psychosozialen Fähigkeiten für die Arbeit mit Menschen in schwierigen Situationen vermitteln zu können, werden maximal 20 Studierende pro Gruppe aufgenommen. Die Absolventen arbeiten laut Fellöcker nicht nur in der Suchthilfe oder in sozialen Einrichtungen wie der Bewährungshilfe, Kinder- und Jugendhilfe oder in Altersheimen. Sie sind auch in Schulen und Bildungseinrichtungen tätig, bieten aber auch freiberuflich beispielsweise Beratung und Prävention für Betriebe an.

 

Ganzheitliche Betrachtung

Die Aufzählung dieser Tätigkeitsbereiche zeigt, dass das Thema „Sucht“ nicht auf den engen Kontext von Suchteinrichtungen eingeschränkt werden kann. Dieser Erkenntnis folgt auch ein berufsbegleitender Hochschullehrgang für Suchtberatung und -therapie, der im Weiterbildungszentrum des Landes Vorarlberg und der Fachhochschule Vorarlberg Schloss Hofen abgehalten wird. „Wenn wir das Phänomen Sucht ganzheitlich betrachten, dann finden wir viele gesellschaftliche Settings und Bereiche, in denen Mitarbeiter oder Führungskräfte Menschen mit einer Suchtproblematik beziehungsweise Missbrauchsverhalten begegnen“, sagt Bernhard Gut vom Fachbereich Soziale Arbeit der FH Vorarlberg. Bereiche, die zwar nicht primär mit Suchtproblematik assoziiert werden, jedoch sehr wohl immer wieder davon betroffen sind, sind aus Guts Sicht etwa der Themenkomplex alte Menschen, der Pflegeheime, mobile Dienste und Hauskrankenpflege umfasst, aber auch der betriebliche und nicht zuletzt der medizinische Bereich.

Ein breites Lehrgangskonzept müsste demnach auch Personen aus diesen Bereichen ins Auge fassen, wobei es in vielen Fällen nicht ausschließlich um „klassische“ Suchtberatung und -therapie gehe. „Ziel muss es sein, Menschen über Entstehung, Symptomatik sowie Konsequenzen im Verhaltensbereich, Behandlungsmöglichkeiten, Angehörigenarbeit, Kommunikation und Nachsorge bei Suchterkrankungen zu informieren und sie in konkreten methodischen Vorgehensweisen zu trainieren“, sagt Gut.

 

Sucht- und Gewaltprävention

Eine ganz andere Zielgruppe hat der in Linz bestehende Master- und Hochschullehrgang für Sucht- und Gewaltprävention in pädagogischen Handlungsfeldern im Auge. Die explizite Kombination von Sucht- und Gewaltprävention ist laut Lehrgangsleiter Rainer Schmidbauer weltweit in keinem anderen Programm gegeben. Beiden Themen werde in allen Settings, die für Prävention von Sucht und Gewalt relevant seien, nachgegangen: Familie (beginnend bei den werdenden Eltern), Kindergarten, Schule, aber auch im außerschulischen Bereich – Vereine, Jugendzentren, Feste, Betriebe und Gemeinden.

In dem Programm arbeiten vier Institutionen zusammen. „Formal ist der Lehrgang an der Pädagogischen Hochschule Oberösterreich angesiedelt. Die Lehrgangsleitung, die inhaltliche Ausgestaltung und die praktische Ausrichtung passieren durch das Institut Suchtprävention der Pro Mente Oberösterreich“, sagt Schmidbauer, der auch das Institut Suchtprävention leitet. Die Fachhochschule Oberösterreich bringe in den Lehrgang insbesondere ihr Know-how rund um das Thema Gewaltprävention beziehungsweise Mobbing ein, was auch eine mehrsemestrige Forschungswerkstätte beinhalte. Die Johannes-Kepler-Universität steuere Inhalte zum Thema Jugend- und Gewaltforschung und wissenschaftliches Arbeiten bei. Der genaue Zeitpunkt für den Start des nächsten Durchgangs ist noch nicht fixiert.

INFORMATION

Studien und Lehrgänge (Auswahl)

• Masterlehrgang Suchtberatung und Prävention, FH St. Pölten www.fhstp.ac.at

• Hochschullehrgang Suchtberatung und -therapie, FH Vorarlberg, www.schlosshofen.at

• Master- und Hochschullehrgang für Sucht- und Gewaltprävention

https://praevention.ph-ooe.at

www.fh-ooe.at/campus-linz

www.jku.ac.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.07.2020)