Einblick in die Mistelbacher Ausstellung, im Vordergrund die auf dem Boden arrangierten neuen Blumenbilder, an der Wand ein überarbeitetes älteres Schüttbild.
Ausstellung

Hermann Nitsch: Die Blumen über dem Abgrund

Noch nie hat Hermann Nitsch so heitere Kunst gemacht. Wilde Blumenbilder, die an die Seerosen von Claude Monet denken lassen. Eine Assoziation, die der Aktionist durchaus zulässt.

Was für ein Farbenrausch. Staunend schreitet man sie ab, die neuen Bilder des Orgien-und-Mysterien-Meisters. Flieder, Puderrosa, Sonnengelb, Orange, Tiefseeblau, Smaragdgrün explodieren auf den großen Leinwänden zu sommerlichen Farbfeuerwerken, fügen sich zu wahren Blumenteppichen an Wänden und am Boden der großen Ausstellungshalle des Mistelbacher Nitsch-Museums. Es ist erstaunlich. Während die Welt in eine tiefe Krise schlittert, hat man Hermann Nitschs Kunst so heiter – ja so lächelnd wie der von ihm so geliebte auferstehende Christus des Isenheimer Altars in seiner lichten Gloriole – noch nie gesehen.

Da ist er auch schon, betritt sein Museum, wird allein auf den paar Schritten immer wieder angesprochen von den für unter der Woche gar nicht wenigen Besuchern hier, setzt sich auf den schnell aufgestellten Sessel im leicht erhöhten Teil des lang gestreckten Saals. Von hier überblickt er wie ein schwarzer Monolith stoisch das ganze Geschehen, die ganze Inszenierung, den Gehstock wie ein Zepter neben sich in den Boden gestemmt. 82 Jahre wird der Wiener Aktionist diesen August, gut scheint es ihm zu gehen.