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Der bayrische Dramatiker mit dem Hang zur Antike

Dass die Musikwelt auf den 125. Geburtstag von Carl Orff „vergessen“ hat, ist kein Zufall. Dessen „Carmina Burana“ spielt sie quasi „trotzdem“.

Es hat nicht des Coronavirus bedurft, dass Carl Orff nicht gefeiert wurde. Des Komponisten Geburtstag jährte sich dieser Tage zum 125. Mal – aber jenseits von seiner Heimatstadt München waren Gedenkfeiern oder gar Aufführungen von Orffs Werken nirgendwo geplant.

Abgesehen von den „Carmina Burana“, versteht sich, die nicht wegzudiskutieren sind aus den internationalen Konzertsälen – auch durch das Argument nicht, dass dieses Werk während der Nazi-Zeit zur Uraufführung gekommen sei und der Komponist zu denen zählt, die damals nicht ausgewandert sind . . .

Außerdem hatte sich ja das pädagogisch so überaus effektive „Orff-Schulwerk“, eine von der Kraft des Rhythmus ausgehende musikalische Grunderziehung, im Dritten Reich etablieren können.

Aber sogar andere als politisch-pseudomoralische Argumente finden sich zur Genüge, um Carl Orff verdächtig erscheinen zu lassen. Seine bewusste Abwendung vom expressionistischen Stil der Zwanzigerjahre, die Entwicklung eines einzigartigen, perkussiven Stils, harmonisch auf archaischen, zyklopischen Dur- und Moll-Akkorden aufbauend, reichte bald, um ihn als „Strawinsky für arme Leute“ zu denunzieren.

Dabei hatte Orff, der gewiefte Bühnenpraktiker, seine theatralisch höchst wirksame Klangsprache zur Verstärkung der szenischen Wirkung sowohl in deutschen Märchen („Der Mond“, „Die Kluge“) wie im „bairischen Stück“ namens „Die Bernauerin“ (zuletzt mit Sunnyi Melles und Tobias Moretti an der Volksoper) ebenso erprobt wie an musiktheatralischen Anverwandlungen antiker Texte. Die mit „Carmina Burana“ beginnende Trilogie „Trionfi“, 1953 an der Mailänder Scala unter Herbert von Karajans Leitung uraufgeführt, speist sich aus mittelalterlicher Vagantenlyrik, Catull-Gedichten und altgriechischer Poesie gleichermaßen.