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Die SPÖ-Chefin als Pin-up-Girl: Sexismus ist kein Kavaliersdelikt!

KLUBTAGUNG SPOe: RENDI-WAGNER
APA/ROLAND SCHLAGER
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Bezeichnungen wie Dummerl, Hascherl, sexy Pupperl sind inakzeptabel – unabhängig von weltanschaulichen Differenzen und parteipolitischen Präferenzen.

Hat eigentlich je ein Cartoonist oder eine Cartoonistin einen Spitzenpolitiker gezeichnet, der im Stringtanga aus einem Kuchen hüpft? Nein? SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner sprang unlängst in einem Cartoon der „Oberösterreichischen Nachrichten“ dürftigst bekleidet und mit Federnbusch am Po als grinsendes Pin-up-Girl aus einer Torte, in der Hand ein Schild mit der Aufschrift: „Forderungen“.

Lustig? Nein. Sexistisch? Aber sicher. Gibt's echt noch Deppen (mehrheitlich männlich), die so etwas witzig finden? Offenbar ja. Rote, türkise, grüne und pinke Politikerinnen haben gegen den Cartoon protestiert, die „OÖN“ ebenso instant wie zerknirscht um Entschuldigung gebeten. Männliche Politkollegen indes haben mehrheitlich geschwiegen.

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Wer seine Grundsätze nicht nur nach persönlichen (politischen) Vorlieben ausrichtet, könnte sich nun ein paar knifflige Fragen stellen: Etwa wann Schluss mit lustig ist und Satire an ihre Grenzen stößt. Ob seinerzeit Sebastian Kurz als „Baby-Hitler“ im Fadenkreuz, den zu töten „endlich möglich“ sei, nicht auch eher geschmacklos denn lustig war. Ob andererseits politische Korrektheit nicht den sicheren Tod der frechsten Kunstform – nämlich der Satire – bedeutet. Und was das wiederum über den demokratischen Diskurs aussagt.

Seit ziemlich genau einem Jahr druckt die „New York Times“ keine politischen Zeichnungen mehr ab. Ausschlaggebend war eine Karikatur des portugiesischen Zeichners António Moreira Antunes: Die Darstellung des israelischen Regierungschefs, Benjamin Netanjahu, als Dackel, den der Kippa tragende US-Präsident Donald Trump an der Leine führte, entfachte heftige Diskussionen über die Bildsprache – antisemitisch: Ja? Nein? – und wie eine Kritik an Israel (nicht) ausschauen dürfe.

Patrick Chappatte, einer der berühmten Cartoonisten der „Times“, schrieb auf seiner Website: „Mit einem Seufzen lege ich meinen Stift nieder: Eine einzige Zeichnung, die nicht einmal von mir stammte, hat jahrelange Arbeit zunichtegemacht und hätte niemals in der besten Zeitung der Welt erscheinen dürfen.“ Klar können und sollen Politiker scharf kritisiert werden, auch Rendi-Wagners Rezepte zur Corona-Krisenbekämpfung. Man kann sich auch darüber lustig machen. Aber was genau haben die Vorschläge mit ihrem Geschlecht zu tun?

Vielleicht reagiert ja Rendi-Wagner nach dieser sexistisch aufgeladenen Herabwürdigung künftig anders – nämlich rasch, unmissverständlich und frauensolidarisch(er), wenn ihr Parteifreund Gewerkschaftsboss Wolfgang Katzian wieder einmal den eher tiefen Hobbysatiriker heraushängen lassen und beherzt ins Sexismusklo greifen sollte. Als er bei einer ÖGB-Wahlveranstaltung im Vorjahr eine milliardenschwere Großspenderin der Türkisen als „Aufg'spritzte mit ihrer Zwei-Millionen-Kette“ titulierte, fand die SPÖ-Chefin weder sofort vor Ort noch danach die richtigen Worte.
Die fand sie (ebenso wenig wie andere führende SPÖ-Frauen) übrigens auch nicht, als der oberösterreichische SP-Landesgeschäftsführer Georg Brockmeyer einen Tweed mit „Gefällt mir“ markierte, in dem Oberösterreichs VP-Gesundheitslandesrätin als „Dummerl“ beschimpft wurde.

Brockmeyer hat sich übrigens entschuldigt, ebenso wie Tirols Landeshauptmannstellvertreter, Josef Geisler, nachdem er eine WWF-Aktivistin vor laufenden TV-Kameras als „widerwärtiges Luder“ bezeichnet hatte.

Sexistische Beleidigungen sind kein Kavaliersdelikt, Politiker (m/w/*) sind keine Satirekünstler. Verächtlich machende Zuschreibungen wie Luder, Dummerl, Hascherl, sexy Pupperl sind inakzeptabel, unabhängig von weltanschaulichen Differenzen und parteipolitischen Präferenzen.
PS: Eine Entschuldigung statt peinlicher Ausrederei der Neos-Abgeordneten Stephanie Krisper für ihren herabwürdigenden „Oasch“-Sager ist auch immer noch ausständig.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

Die Autorin

Dr. Andrea Schurian ist freie Journalistin. Die ehemalige ORF-Moderatorin („Kunst-Stücke“, „ZiB-Kultur“) gestaltete zahlreiche filmische Künstlerporträts und leitete zuletzt neun Jahre das Kulturressort der Tageszeitung „Der Standard“. Seit Jänner 2018 ist sie Chefredakteurin der jüdischen Zeitschrift „NU“.