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Verdacht auf Bilanzfälschung

FMA dreht Mattersburg-Bank zu: "Viele werden sehr viel Geld verlieren"

Die Commerzialbank Mattersburg war auch Fußball-Sponsor
Die Commerzialbank Mattersburg war auch Fußball-SponsorAPA/HERBERT NEUBAUER
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Die Korruptionsstaatsanwaltschaft ermittelt, die Bank ist laut Doskozil zu liquidieren. Es bestehe der Verdacht, dass "Fantasie-Kredite erfunden" wurden, so der Landeshauptmann.

Bei der burgenländischen Commerzialbank Mattersburg ging es nach Unregelmäßigkeiten, die jetzt bei einer Vorort-Prüfung der Bankprüfer offenkundig geworden sind, dann ganz schnell. Der Vorstandschef Martin Pucher hat nach einer ersten Befragung gestern per sofort seinen Job zurückgelegt. Der Fall liegt bereits bei der Justiz.  Ein Sprecher der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft hat am Vormittag den Eingang der Anzeige durch die Finanzmarktaufsicht (FMA) bestätigt. Der Verdacht lautet auf Bilanzfälschung und Untreue.

Der Bank wurden heute Nacht die Geschäfte zur Gänze untersagt. Zum Regierungskommissär bestellt wurde der Wirtschaftsprüfer Bernhard Mechtler. Der Bescheid, der in der Nacht auf Mittwoch bekannt gegeben wurde, wurde sofort wirksam.

Die Bank hatte einst als Raiffeisenbank Schattendorf firmiert und sich Mitte der 90er Jahre aus dem Raiffeisensektor verabschiedet. Der zurückgetretene Bankchef Martin Pucher ist auch Clubchef des SV Mattersburg, er kündigte eine „geordnete Übergabe“ an.

Einlagen bis 100.000 Euro gesichert

Mehr als 400 Millionen Euro an gedeckten Einlagen liegen in der Mattersburger Commerzialbank. Die Einlagensicherung ist schon aktiv, der Einlagensicherungsfall bereits eingetreten. Dafür muss nicht erst ein Konkurs einer Bank abgewartet werden. In der Bank sind selbst damit keine weiteren Einzahlungen oder Abhebungen oder Überweisungen möglich. Für Auszahlungen von Einlagen springt die gesetzliche Einlagensicherung ein. Gesichert sind Einlagen bis zu 100.000 Euro pro Person (auch für Kleinunternehmen).

Die Einlagensicherung Austria GmbH hat innerhalb von 15 Arbeitstagen gesicherte Guthaben (Girokonten, Gehaltskonten, Studentenkonten, Pensionskonten, Sparbücher und Sparkonten, Wertpapierverrechnungskonten sowie Bausparverträge) auszuzahlen. Wie heute mitgeteilt wurde, ist die Einlagensicherung dafür schon mit der Bank in Kontakt. Man bereite die Abwicklung der Auszahlung vor.

Doskozil: „Vollste Härte"

Die Bank steht vor der Liquidation. "An einen Fortbestand ist in keinster Weise zu denken. Die Bank ist zu liquidieren", betonte Landeshauptmann Hans Peter Doskozil (SPÖ) am Mittwoch bei einer Pressekonferenz. Das Land richtet nun Hotlines für Betroffene ein. Viele Unternehmen und Privatpersonen würden durch den Bilanzskandal "höchstwahrscheinlich am Ende des Tages sehr viel Geld verlieren", sagte Doskozil.

Das Land Burgenland hat den Betroffenen breite Unterstützung zugesichert. Doskozil: "Aufgrund eines riesigen Betrugs werden sehr viele persönliche Schicksale negativ beeinflusst. Ich habe mit Personen gesprochen, die ihr ganzes Sparguthaben bei der Bank veranlagt haben und die geweint haben", sagte Doskozil. Die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft sei nun gefordert, den Fall "mit vollster Konsequenz und vollster Härte" aufzuklären. Das Land werde seinen Teil dazu beitragen.

Fantasie-Kredite erfunden?

Es bestehe der Verdacht, dass "Fantasie-Kredite erfunden" wurden, so Doskozil. Von Vorstandschef Pucher sei er "persönlich zutiefst enttäuscht. Für mich persönlich war das ein Schock. Ich hätte niemals daran gedacht, dass dieser Mann ein solches Delikt begeht", betonte Doskozil.

Alle Kunden der Mattersburg-Bank sollten "so schnell wie möglich ein neues Konto bei einer anderen Bank eröffnen", betonte Doskozil. Die Filialen der Bank Burgenland und der Erste Bank werden in Mattersburg deshalb ihre Öffnungszeiten voraussichtlich für die nächsten zwei Wochen bis 18.00 Uhr verlängern.

Die Abteilung für Landesplanung, Sicherheit, Gemeinden und Wirtschaft in der Landesregierung wird laut Doskozil die betroffenen Gemeinden beraten. Konkret habe es Filialen der Commerzialbank in neun Gemeinden gegeben. Über 50 Mitarbeiter seien dort beschäftigt. Auch 250 Mitarbeiter der Landesregierung, die ihre Gehälter über die Mattersburg-Bank beziehen, seien betroffen.

Frequentis und Energie Burgenland betroffen

Einer der Betroffenen ist die börsennotierte Wiener Technologiefirma Frequentis, einer der großen Kunden der Commerzialbank. Frequentis hält bei dem burgenländischen Geldhaus, das nun liquidiert wird, mit heutigem Tag Einlagen in Höhe von ungefähr 31 Millionen Euro, so das Unternehmen am Mittwoch. "Frequentis beobachtet die Situation sehr genau und evaluiert alle Maßnahmen, um ihre Rechte zu wahren", so das Unternehmen, das Anlagen für sichere Kommunikation anbietet. "Bei anderen Banken verfügt die Frequentis-Gruppe per 30. Juni 2020 über Einlagen von mehr als 56 Millionen Euro.“ Das operative Geschäft ist nicht beeinflusst. 

Das Land selbst ist laut Doskozil nicht betroffen. Es habe keine Geschäftsbeziehung zur Commerzialbank gegeben. Die Energie Burgenland habe allerdings rund fünf Millionen Euro dort veranlagt. "Ich gehe davon aus, dass das Geld weg ist", sagte Doskozil. Die Höhe des Schadens sei derzeit noch nicht absehbar. Die Finanzmarktaufsicht habe ihm jedoch mitgeteilt, dass die Lage "dramatisch" sei, so der Landeshauptmann.

Hilfe für Betroffene

Betroffene Einleger können sich telefonisch oder per e-mail an die Einlagensicherung wenden: Telefon: +43 (1) 533 98 03-0, via mail: office@einlagensicherung.at Ein Vertreter der Einlagensicherung Austria GmbH wird am  Donnerstag nach Mattersburg kommen.

Sowohl in der Landesregierung als auch in der Wirtschaft Burgenland (WiBuG) werde eine Hotline eingerichtet, die Privatpersonen beziehungsweise Unternehmen zur Verfügung stehen wird. Zudem werde ein Jurist engagiert, der kostenlose Rechtsberatung bieten werde.

Unter der Telefonnummer 057/600-2465 wird die eingerichtete Bankenombudsstelle für Privatpersonen erreichbar sein. Die Wirtschaft Burgenland (WiBuG) steht unter der Nummer 059010-210 für betroffene Unternehmer zur Verfügung.

(APA)