Ödipus auf Kolonos: Das Urteil lautet Tod

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Regisseur Peter Stein bringt mit Klaus Maria Brandauer als Star bei den Salzburger Festspielen das letzte Stück des Sophokles zum Leuchten. Sphärenmusik samt beeindruckender Lichteffekte.

Eine fremde Welt ist sie, in die Regisseur Peter Stein die Zuseher auf der Pernerinsel in Hallein entführt, bei der Neuinszenierung der Tragödie „Ödipus auf Kolonos“, die am Montag bei den Salzburger Festspielen Premiere hatte. Griechenland – ein spiegelglatter Steinboden, in der Mitte ein ummauerter Garten mit Olivenbäumen und Lorbeer, lichtdurchflutete Eingänge links und rechts, sonst nichts, außer einer Geräuschkulisse mit Gezwitscher, Sphärenmusik und Donnergrollen samt beeindruckender Lichteffekte für die Blitze des Zeus (Bühne: Ferdinand Wögerbauer). Hier wird es in knapp drei Stunden vor allem um Sprache gehen und Argumente, einen dichterischen Prozess. Dieses Stück ist eine Zumutung, ein Textmonstrum über Monströses, und Stein hat es mit seinem Protagonisten Klaus Maria Brandauer in eine wunderbare wie auch wunderliche Form gebracht, die dem Zuseher harte Seelenarbeit abverlangt. Man muss wohl der Mythen ziemlich kundig sein oder zumindest traditionsverbunden für dieses Projekt.

401v.Chr. wurde das letzte Drama des greisen Sophokles vier Jahre nach dessen Tod von seinem Enkel uraufgeführt – das Finale der attischen Tragödie. Athen war verheert vom Peloponnesischen Krieg. Das Endspiel des Sophokles wendet sich wieder dem unglücklichen Mann zu, dem die Götter bestimmten, seinen Vater zu töten, die Mutter zu heiraten. Das hatte der Dichter 25Jahre zuvor in „König Ödipus“ dargestellt, in der „Antigone“ waren von ihm bereits 442v.Chr. die Spätfolgen von Inzest und Vatermord dramatisiert worden. Schuldlos sei er, „denn meine Taten hab ich mehr erlitten als getan“, behauptet Ödipus apologetisch in der feierlichen Übersetzung von Stein.

Flucht vor der Verwandtschaft

In Kolonos geht es nun ans Sterben für Ödipus. Begleitet von seiner Tochter Antigone sucht er die letzte Zuflucht in Attika, vor seinen verfluchten männlichen Verwandten aus Theben, die den Verbannten zurückholen wollen, um egoistisch den Fluch zu lösen. Ödipus weiß aber, dass sein Schicksal hier liegt, im Hain der furchtbaren Eumeniden, und Athens Herrscher Theseus (Christian Nickel, als weiß gekleideter Schönling) wird ihn schützen, bis der Held, durch Göttervater Zeus persönlich entrückt, im Gegengeschäft als Heros die Stadt vor Unheil bewahren wird. Die Tragödie ist auch ein Hohelied auf Athen, das bereit ist, Fremde aufzunehmen, so grässlich ihre Geschichte auch sei. In ihr wird ein ganzes Leben verhandelt. Das Urteil lautet: Tod – für Söhne, Töchter, den rachsüchtigen Vater.

Der ist schon zu Beginn gezeichnet; verhalten beginnt Klaus Maria Brandauer die ersten Worte des Ödipus, als ihn Antigone (Katharina Susewind, unglaublich brav, devot) zum heiligen Grund führt. Geblendet hatte er sich vor vielen Jahren, als er sein Schicksal begriff, seither irrt er als Bettler mit der helfenden Tochter durchs Land.

Wie alt ist dieser Mann? 90? Brandauer hat die Stimme eines Greises, die unkontrolliert hochfährt, dann ins Murmeln verfällt, meist aber trägt er ruhig vor. Nur das Wehgeschrei ist mächtig, und bestimmt wird der Ton, wenn er eine Verteidigungsrede anhebt, schauerlich, wenn er verflucht. So wie Brandauer geht, machen es tatsächlich nur Blinde. Es ist reizvoll, diesen sonst oft von Energie strotzenden Mann passiv zu sehen, seine Kraft verbergend. Umso wirksamer sind die tragischen Ausbrüche dieses in Lumpen gekleideten Alten, mit struppigem Haar und leeren Augenhöhlen.

Für Pathos gibt es Gelegenheit genug. Erst müssen Wächter und Chor überzeugt werden, dass Ödipus bleiben darf. Ein fantastischer Kontrapunkt ist Stein hier eingefallen, modern und antikisierend zugleich. Die alten Griechen sind zwölf grauhaarige, graubärtige Männer mit Hüten, Kappen, Stöcken (von Moidele Bickel eingekleidet, als ob sie zu ihrem Tratsch auf den Marktplatz gingen). Sie sind noch nicht so alt wie Ödipus, haben aber schon ihre Leiden und eine Vorahnung vom Schrecken des Endes. Ihre Strophen werden mit großem Gespür für Rhythmus vorgetragen, nicht immer unisono, sondern wechselnd auch in Gruppen, mit Tanzeinlagen und Soli, es entsteht ein Gesang, der sich harmonisch an lange Passagen des Ödipus fügt.

Zu dessen Reden ist auch der Auftritt des Kreon (Jürgen Holtz) eine schöne Antithese, nicht nur wegen der roten Kleidung. Der Bruder von Ödipus Mutter kommt per Rollstuhl, um den Sterbenden heimzuholen. Seine glatte Rede täuscht Versöhnung vor, ein rhetorisches Meisterstück, aber Kreons uniformierte Helfer sind gewaltbereit, entführen Antigone und ihre Schwester Ismene (Anna Graenzer), raufen mit Chor und Miliz. Ödipus durchschaut den bösen alten Onkel von Anfang an, lässt ihn abblitzen.

Furchtbare Flüche gegen Theben

Theseus rettet die Mädchen, aber schon wartet die nächste Herausforderung. Sohn Polyneikes, von Dejan Bućin gar zu heroisch gespielt, startet seinen Versuch der Heimholung des Vaters, die Vorbedingung der Machtergreifung ist. Aber furchtbar verflucht ihn Ödipus, macht kurzen Prozess. Polyneikes wird im Kampf gegen den Bruder fallen, ihn in den Tod mitreißen. Nun ist der Weg frei für die Apotheose und die Verherrlichung der guten Herrschaft Athens. Stein lässt es blitzen und krachen, vorsorglich wurden Ohrstöpsel ans Publikum ausgeteilt, mit dem Hinweis, dass es nach zwei Stunden und fünfzehn Minuten laut werde. Ein gigantischer Lichtpfeil kündigt das Eingreifen des Zeus an. Noch einmal sind die Reden feierlich, dann haben die Klagen der Töchter ein Ende, und in Hallein werden Ensemble, Stein und die steinalten Griechen nach der Premiere dieser Bildungsreise in die dunkle Antike befreit bejubelt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2010)

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