Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Plattenkritik

The Streets: Der ruhelose Familienvater

Der Abschied vom Party-Leben fällt Mike Skinner schwer: „The devil wants me back.“(c) Universal
  • Drucken

Mixtape nennt Mike Skinner das neue Album von The Streets: Auf „None of Us Are Getting out of This Life Alive“ erinnert er sich an Partys und denkt über Handys nach.

Das Feuerzeug mit dem „The Streets“-Schriftzug ist in die Mitte gerückt auf dem Cover von „None of Us Are Getting Out of This Life Alive“. Es begleitet Mike Skinner alias The Streets seit seinem Debüt „Original Pirate Material“ (2002), damals war das Feuerzeug mit dem Künstlernamen klein über der Aufnahme eines nächtlichen Wohnblocks mit beleuchteten Fenstern abgebildet. Und doch will er sich selbst nicht in den Mittelpunkt stellen, zumindest nicht nur sich. Als Mixtape bezeichnet der 41-Jährige sein neues Album, als Duettsammlung, die auch anderen eine Bühne bieten soll. Zu hören sind unter anderen der australische Retro-Rocker Tame Impala, die Londoner Rapperin Ms Banks und die Post-Punk-Band Idles.

Vielleicht will Skinner mit dieser Bezeichnung auch vermeiden, an den Maßstäben gemessen zu werden, die er mit seinen früheren, hochgelobten Alben aufstellte, ehe er The Streets 2011 ad acta legte. Sechs Jahre nach dem Ende trat er doch wieder unter diesem Namen auf. Zuerst für eine Greatest-Hits-Tour, nun eben mit neuem Material. Mixtape klingt weniger verbindlich als etwa Comeback-Album.

Die Bezeichnung passt auch in anderer Hinsicht: „None of Us Are Getting out of This Life Alive“ wirkt weniger wie aus einem Guss, vor allem verglichen mit dem Konzeptalbum „A Grand Don't Come for Free“ (2004), der Geschichte von verlorenen tausend Pfund. Das neue Album ist quasi eine gemischte Platte verschiedener Geschichten und Gedankengänge – und dieser für ihn typischen Beobachtungen des Alltags. Das Handy spielt eine wichtige Rolle darin, es wird in fast jedem Lied erwähnt, zwei haben es sogar im Titel. In „Call My Phone Thinking I'm Doing Nothing Better“ wartet er, bis der Anrufer aufgibt, damit er weiter mit seinem Handy spielen kann. Die Melodie zu „Phone Is Always in My Hand“ könnte aus einem Computerspiel der Achtziger stammen, der Text wirkt wie eine Aneinanderreihung von SMS und WhatsApp-Nachrichten. Spricht da der Vater zweier Volksschulkinder aus Skinner oder der Mann, der sich von der Dauerkommunikation überfordert fühlt?

In „Eskimo Ice“ feat. Kasien schließlich geht ihm – absichtlich – der Akku aus. „Let the phone die, memories slide“, die Erinnerungen rutschen, werden lebendig: Eis und Cognac sind ihm Proust'sche Madeleines. Eine Kostprobe, und schon sieht er Szenen aus Nachtclubs und Festivals vor sich, dazu die Frau seines Freundes . . .
Der Abschied vom Partyleben fällt ihm schwer, „the devil says he misses me and wants me back“, heißt es im Bass-lastigen „The Poison I Take Hoping You Will Suffer“. Oder sind der Teufel seine Gedanken, die ihn nicht ruhen lassen? Skinner wirkte immer ein bisschen wie ein ganz normaler Typ, der aber zu intelligent ist, um sein Leben bloß in Pubs zu versaufen. Dessen Männlichkeit auch fragil ist. In einem seiner bekanntesten Lieder, „Dry Your Eyes“ (2004), trocknete er die Tränen eines Kumpels. Die Rolle des Trösters nimmt er nun in „I Wish You Loved You As Much As You Love Him“ ein. Er rät einer Frau (vielleicht nicht ganz uneigennützig), sich selbst zu lieben, das sei „true wealth“. Sie solle ihrem Freund nicht glauben, dass er sich ändern werde: „People never change, they're just exposed.“

Am Ende heißt es: „Turn up the music“

Uneindeutig bleibt er im ruhigsten Song des Albums, dem schönen „Conspiracy Theory Freestyle“: „All of history is a set of frickin' lies“ sagt er verschwörungstheoretisch, im gospelartigen Refrain beschwört Rob Harvey sanft einen Wandel. Am Schluss dreht Skinner noch einmal Drum and Base auf für „Take Me As I Am“. Nimm mich wie ich bin, fordert er, „or watch me as I go“. Ehe die Musik verklingt, ordnet er an: „Turn up the music.“ Solang die Kinder nicht aufwachen . . .

The Streets: „None of Us Are Getting out of This Life Alive“
The Streets: „None of Us Are Getting out of This Life Alive“(c) Universal