Mitreden

Mitreden beim Landleben: Ist es ein Fluch – oder ein Segen?

Die Meinungen über das Leben am Land gehen weit auseinander, das zeigt einmal mehr ein Text des Autors „Franzobel". Diskutieren Sie mit: Land oder Stadt? Wo leben Sie eigentlich und was sind die Vor- und Nachteile?

Wenn es um das Leben am Land geht, geht es oft um Extreme. Die eine schimpfen über Tristesse und Kleingeistigkeit, die anderen idealisieren ein Leben im Einklang mit der Natur. Wie emotional das Thema ist, zeigt jetzt ein Text, den der Autor Franzobel für das „Spectrum“ verfasst hat. In verspielter Sprache zieht er ein knallhartes Fazit, nachdem er über Bauern, Kulturlosigkeit, schlechte medizinische Versorgung und Windräder sinniert: „Das idyllische Landleben ist nichts als eine verlogene Chimäre, eine zuschanden gerittene Schindmähre.“ Der Titel seines Texts: „Landleben – eine Warnung“.

Zahlreiche Leserbriefe erreichten uns: „Es ist doch immer wieder amüsant zu lesen, wie die eifrigsten Schmähungen des Landlebens ausgerechnet von jenen kommen, die selbst dem Land entstammen“, meint etwa Anton Distelberger aus Perchtoldsdorf. Peter Senger aus Graz ärgert sich: „Offensichtlich hat F. wenig Ahnung vom Leben im Dorf (wo man noch miteinander spricht, sich begrüßt, es noch ein soziales Miteinander gibt . . .) und versteckt seine bösen Provokationen hinter einer anmaßend 'künstlerischen Freiheit'. Für mich gilt jedenfalls: Nie wieder Franzobel!"

Ganz anders als Franzobel sieht es „Presse"-Querschreiber Karl-Peter Schwarz. Stadtflucht mache überhaupt nicht frei, schrieb er Ende April - also zu Corona-Hochzeiten. Die Gegensätze zwischen Land und Stadt hätten sich schon längst verwischt, meint Schwarz. So finde man natürlich heute auch am Land „Bobos", kommunistische Künstler und Atheisten. Außerdem: „Unter dem Einfluss eines chinesischen Virus, das den Alltag revolutioniert, entdeckt man die Vorzüge des Wohnens in Häusern“.

In der Tat: Städter träumen (wieder einmal) vom Land,  Immobilienportale registrieren einen Boom an Suchen nach mehr Grün, und man spekuliert schon über eine neue Stadtflucht durch die Coronakrise. Das schreibt Christine Imlinger in einer Analyse.

Das "Land", das gibt’s nicht mehr.

Johannes Fiedler

Aber was ist eigentlich das Land? "Das 'Land', das gibt’s nicht mehr", behauptete Johannes Fiedler im Februar. In einem Text für das „Spectrum" schreibt der Architekt und Stadtplaner über eine „österreichische Lebenslüge“, über Suburbanität und einen „automobilen Lebensstil“, von dem auch die kleinsten Geister mittlerweile ahnen dürften, „dass er keine Zukunft hat". 

Dennoch meinen viele, das Leben auf dem Land sei besser. Zumindest zwei (Wiener) Wissenschaftlerinnen kamen in einer Studie nicht zu dem Ergebnis. Ihr nüchternes Fazit: „Den gern beschworenen Gegensatz von Stadt und Land gibt es schlichtweg nicht.“ Und ländliche Sehnsuchtsmotive haben meist gar nichts mit der Realität zu tun.

(sk)

Diskutieren Sie mit: Werden immer mehr Österreicher in Städten leben? Oder bringt die Coronakrise eine neue Stadtflucht mit sich? Leben Sie auf dem Land oder in der Stadt? Was sind die Vor- und Nachteile, was die Vorurteile? Und: Könnten Sie sich vorstellen, umzuziehen?