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Private Pflege

„Lebensraum Bett“ besser betreuen

Wie man bettlägrige Angehörige am besten umziehen und bewegen kann, zeigen Kurse des Roten Kreuzes.
Wie man bettlägrige Angehörige am besten umziehen und bewegen kann, zeigen Kurse des Roten Kreuzes.(c) ÖRK/Anna Stöcher
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Von Sturzprophylaxe über Validation bis zur Selbstfürsorge: Bildungsangebote für pflegende und betreuende Angehörige sollen im Alltag entlasten. Kurse bieten praxisnahes Wissen, aber auch emotionale Unterstützung.

Etwa 80 Prozent der Pflegebedürftigen in Österreich werden zu Hause durch Angehörige betreut. Die Familienmitglieder stellt deren Bedürfnis nach größtmöglicher Autonomie und Vertrautheit bei gleichzeitig nachlassenden Fähigkeiten, für sich selbst zu sorgen, oft vor große Herausforderungen. Einrichtungen wie die Caritas, das Rote Kreuz und das Hilfswerk bieten daher Kurse und Schulungen an, die Angehörige darin unterstützen, den Alltag bestmöglich zu bewältigen. Gleichzeitig wird Raum und Zeit für Austausch geschaffen.

 

Persönlichen Bedarf abklären

Unter anderem in Kooperation mit dem Kardinal-König-Haus in Wien bietet die Caritas mehrere Aus- und Fortbildungen, das Angebot in den Bundesländern variiert. Es reicht vom Vortrag zum „Lebensraum Bett“ über Basis-Pflegekurse mit praktischen Hilfestellungen und Themen wie Selbstfürsorge bis zu Lehrgängen wie Palliative Care. „Es ist sinnvoll, vorab abzuklären, welche Aus- oder Weiterbildung im persönlichen Umfeld am besten unterstützen kann“, rät Ilse Simma-Boyd, zuständig für die Pflege in Wien.

Aufgrund der aktuellen Situation rund um Covid-19 wurden von der Caritas gemeinsam mit dem Ausbildungszentrum West für Gesundheitsberufe und dem Land Tirol Videoratgeber für pflegende Angehörige erstellt, die auf der Website abrufbar sind. Solang Kurse nicht möglich sind, setzt man auch verstärkt auf digitale Gesprächsgruppen.

Als Themen besonders präsent sind gerontopsychiatrische Erkrankungen wie Demenz und depressive Störungen, der Umgang mit ihnen erfordert spezielles Wissen. In der Caritas-Schulung Edukation Demenz geht es unter anderem darum, „wie Demenz die Realität verändert. Das erworbene Wissen fördert das Verständnis dafür“, sagt Simma-Boyd.

Auch neue Kommunikationstechniken stehen auf dem Lehrplan: Die Validation ist eine Methode, mittels derer man mit alten Menschen, die an Desorientierung leiden, in Verbindung treten und bleiben kann. Auch das Rote Kreuz bietet sie an.

 

Körper- und Intimpflege

„Ein wichtiger Kursinhalt ist zudem die Unterstützung in der Körper- und Intimpflege, weil viele da verunsichert sind“, sagt Monika Wild vom Roten Kreuz. In einem Kurs mit 16 Unterrichtseinheiten werden verschiedenste für den Pflegealltag relevante Themen wie Unterstützung nach einer Spitalsentlassung, Möglichkeiten des rückenschonenden Arbeitens oder Krankheitsbilder wie Schlaganfall, Parkinson oder Diabetes behandelt, „es können auch Einzelmodule besucht werden, nicht alle Einheiten sind für jeden notwendig“. Darüber hinaus hat man coronabedingt Onlinekurse entwickelt, wie man kranke Angehörige zu Hause pflegt und in Sachen Ernährung, Mobilisation und Hygiene unterstützt.

 

Üben in Musterwohnung

Auch im Albert-Schweitzer-Trainingszentrum in Graz können Pflege und Betreuung grundsätzlich in einer Kleingruppe erlernt werden, pflegerische Handlungen werden in einer Übungswohnung ausprobiert. Ebenfalls eine Musterwohnung zur Veranschaulichung einer Reihe von Hilfsmitteln und digitalen Lösungen nutzt das Hilfswerk Salzburg: die Wohnwerkstatt. Hier hat man im Vorjahr ein Trainingsprogramm ins Leben gerufen, „es richtet sich an pflegende und betreuende Angehörige. Dieser Zusatz ist mir wichtig, denn viele, die vor allem Betreuungstätigkeiten übernommen haben, fühlen sich sonst nicht angesprochen“, sagt Manfred Feichtenschlager, der Leiter der Fachabteilung Soziale Arbeit.

Info zu Entlastungsangeboten

In einem Basismodul werden die Interessierten über Förderungsmöglichkeiten und Entlastungsangebote informiert. „Auf diesem Gebiet herrscht viel Unwissenheit, beispielsweise darüber, dass auch Betreuungstätigkeiten für die Pflegegeldeinstufung relevant sind.“ Hilfestellungen für den Alltag betreffen Tipps für das Erkennen von Stolperfallen und die Minimierung von Stürzen sowie ergonomische Transfers vom Bett in den Rollstuhl oder die Badewanne. Die Trainingsmodule können einzeln besucht werden, ein Fahrtendienst und die Betreuung des Angehörigen werden bei Bedarf organisiert. Die Kurse werden von einem interdisziplinären Team aus den Bereichen Sozialarbeit, diplomiertes Pflegepersonal, Sportwissenschaft und Gerontologie gehalten.

 

Angebote früh nutzen

Viele nehmen Angebote wie diese erst zu einem relativ späten Zeitpunkt wahr, so Feichtenschlager, „sie versuchen die Situation lang selbst zu meistern, gelangen dann aber an einen Punkt der physischen und psychischen Überforderung“. Ein vorsorgliches Vorbereiten auf Pflegesituationen gehört zu den Ausnahmen. Das bestätigt Simma-Boyd: „Die Überlastung kommt schleichend, man gibt mehr und mehr des eigenen Lebensspielraums frei. Unterstützung anzunehmen ist wichtig.“

Verstärkte Nachfrage besteht laut der Expertin vor allem für spezifische Fragestellungen, „Hilfe braucht es zudem oft unmittelbar, daher sind Beratungen neben Kursangeboten wesentlich“. Viele Kursteilnehmer, die bereits mehrere Monate in der Pflege tätig sind, „lernen nicht nur viel Praktisches dazu, sondern auch, besser auf sich selbst zu achten“, sagt Wild. „Unser Ziel ist es, eine noch breitere Anzahl von Menschen zu erreichen. Ähnlich wie einem Erste-Hilfe-Kurs wäre es hilfreich, einen generellen Pflegekurs zu etablieren, um besser vorbereitet zu sein.“

Auf einen Blick

Pflegende Angehörige sehen sich mit einer Reihe von Herausforderungen konfrontiert. Hier helfen einschlägige Kurse. Diese bieten nicht nur das notwendige Know-how, etwa wie man bettlägrige Patienten bewegt oder wie man mit Dementen kommuniziert, sondern auch emotionale Unterstützung. Die Kurse sollten nach dem persönlichen Bedarf ausgewählt und möglichst frühzeitig absolviert werden.

Web: www.caritas-pflege.at, www.hilfswerk.at, www.roteskreuz.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.07.2020)