Drill – und Autonomie: Camp Ritchie, Maryland, eines der US-Ausbildungslager für vormalige „enemy aliens“.
"Sharpe Boys"

Die „Psycho Boys“: Austroamerikaner im Kampf gegen die Nazis

Mit ihren Flugblättern und ihrer Radiopropaganda bewegten sie Wehrmachtssoldaten dazu, sich zu ergeben. Nach Kriegsende durchleuchteten sie Deutsche und Österreicher auf ihre nationalsozialistischen Einstellungen. Über die Austroamerikaner aus Camp Ritchie und Camp Sharpe.

Soldaten der Wehrmacht und der Waffen-SS marschieren im Stechschritt durch die Hügel der US-Bundesstaaten Pennsylvania und Maryland. Die deutschen Uniformen, Marschstiefel, Kragenspiegel und Schmeisser-Pistolen verblüffen die amerikanischen Bauern am Wegrand, ihr Land ist schließlich seit einem Jahr mit Deutschland im Krieg.

Die Szene entstammt keiner Hollywood-Produktion, sie zeigt Flüchtlinge und Deutschamerikaner, die sich ab Sommer 1942 in den Camps Ritchie und Sharpe auf ihren Einsatz für die US-Armee im Kampf gegen die Nazis vorbereiten. Später nennen sie sich „Ritchie Boys“ und „Sharpe Boys“. Etwa 20.000 Soldaten, echte inglourious basterds, lernen hier Verhörtechniken und Kartenlesen, verfassen Flugblätter und schneiden Radiobeiträge, studieren die Wehrmacht, deren Organisation und Personal.

Einige Absolventen der Ausbildungslager wie die Schriftsteller Klaus Mann, Stefan Heym und J. D. Salinger werden später Berühmtheit erlangen, in Österreich der Journalist Hans Habe, der Kabarettist Georg Kreisler und der Operndramaturg Marcel Prawy. Die schillernden Memoiren der wenigen überdeckten allerdings die Geschichten der vielen. Das ändern nun die Studien „Camp Ritchie und seine Österreicher“ von Robert Lackner und „Die Psychokrieger aus Camp Sharpe“ von Florian Traussnig, beide bei Böhlau erschienen. Darin legen die zwei Historiker eine Kollektivbiografie der österreichischen Absolventen vor, die gleichzeitig eine militärische Geschichte der Ausbildungslager wie auch eine Analyse ihrer Verhör- und Propagandatätigkeiten ist. Fast zehn Prozent der etwa 7000 Österreicher, die im Zweiten Weltkrieg auf Seiten der US-Armee kämpften, wurden in den beiden Camps ausgebildet.

Nach der Landung amerikanischer Truppen in Nordafrika, Sizilien und der Normandie bestand ihre Hauptaufgabe darin, Nachrichten über den Feind einzuholen, Intelligence zu produzieren. Das Erbeuten von Dokumenten, vor allem aber die Verhöre von Kriegsgefangenen sollten taktische und strategische Informationen liefern und die Moral des Gegners abtasten. Die „Psycho Boys“ schrieben Flugblätter, in denen sie den Gegner aufforderten, sich zu ergeben. Bis zur Kapitulation wurde die Wehrmacht mit drei Milliarden Flugblättern bombardiert, aus adaptierten Artilleriegeschossen oder von Flugzeugen. Reguläre Soldaten und militärische Vorgesetzte bezeichneten die „Psycho Boys“ daher teils ironisch, teils verächtlich als „Confetti Soldiers“.

Kriegsentscheidend war ihr Einsatz nicht, wie Lackner und Traussnig resümieren, beachtliche Erfolge konnten sie dennoch feiern: Zahlreiche Wehrmachtssoldaten schwenkten die Flugblätter in der erhobenen Hand, wenn sie aus dem Schützengraben stiegen. Die „Psycho Boys“ stellten auch Lautsprecherwagen auf, um die Gegner zum Aufgeben zu bewegen, und schickten Informationen zum Frontverlauf über den Propagandasender Radio Luxembourg. Auf die Kampfpropaganda folgte die Konsolidierungspropaganda: Die „Psycho Boys“ durchleuchteten nach Kriegsende Deutsche und Österreicher auf ihre nationalsozialistischen Einstellungen, gaben als Kulturoffiziere der amerikanischen Militärverwaltungen die ersten Zeitungen heraus.

Rollenspiele und Propaganda-Show

Ihre Geschichte klingt nicht nur theatralisch, sie ist es auch. Für das, was sie auf dem europäischen Kriegsschauplatz zu tun hatten, mussten sie Theater spielen. War ein SS-Offizier in einem Verhör wenig gesprächig, schlüpfte manchmal einer der „Ritchie Boys“ in die Rolle eines sowjetischen Politkommissars. Die Angst vor den Russen konnte Wunder bewirken. Eine ernste Angelegenheit, aber auch eine Show war es, wenn der Wiener Jude Paul Eisler mit strammer, die Obrigkeitshörigkeit der Wehrmachtssoldaten nutzender Stimme in den Lautsprecher brüllte, sie sollten sich ergeben. Manfred Inger hatte Spaß daran, für das Propagandaradio den Stimmenimitator zu geben und in allen möglichen Dialekten stotternde Eisenbahner oder übereifrige Nazis zu mimen. Um Theater ging es auch, als der Wiener Hollywoodschreiber Walter Klinger nach dem Krieg in Bayern in der „Film, Theater & Music Control Section“ arbeitete. Wer hätte für alle diese Aufgaben besser geeignet sein können als die jungen Theaterleute und Schriftsteller, die in die USA geflohen waren, sozusagen „geborene Propagandisten“ (Traussnig)?

Die Tätigkeiten der „Ritchie“ und „Sharpe Boys“ lesen sich oft anekdotisch, doch Lackner und Traussnig rücken das Bild der unterhaltsamen Propagandakomödie zurecht. Propaganda war harte Arbeit, Training und Learning by Doing. Die USA hatten in diesem Bereich viel nachzuholen. Während die Achsenmächte Italien und Deutschland seit Jahren Propagandaschlachten orchestrierten und Großbritannien solides Geheimdienstwissen produzierte, hatten die isolationistischen USA mit Kriegseintritt einen völlig unterentwickelten Auslandsgeheimdienst. Woher das Personal für die Befragung von Kriegsgefangenen und das Abfassen von Flugblättern nehmen? Infrage kamen vorwiegend Migranten. Viele der Ausgewählten waren wenige Jahre zuvor in die USA gekommen, hatten oft ihre Familie zurückgelassen und sich als Hilfsarbeiter durchgeschlagen. Zu Kriegsbeginn galten sie den Amerikanern noch als enemy aliens, ein Jahr später brauchte man sie.

Dafür bot man ihnen in den Ausbildungscamps Drill – und Autonomie. Ein Bonmot lautete, man habe in den Trainingscamps mehr als 50 Sprachen hören können – nur nicht Englisch. Das machten die „Ritchie Boys“ selbstironisch in Theateraufführungen und Gedichten zum Thema. „Vas you effer at Kemp Ritchie? / Der very schoenste platz of all . . . / Ver der sun comes up like Donner / Mit recorded Bugle Call . . .“

Die deutschsprachigen Nonkonformisten wurden, wie Traussnig darlegt, nicht soldiers, sondern media soldiers. Dazu brauchte es eine solide wissenschaftliche Ausbildung, Crashkurse in Soziologie und Psychologie: Wie interviewt man Kriegsgefangene? Wie erreicht man, dass sich Feinde kampflos ergeben? Dazu wurden die „Psycho Boys“ von Leuten wie Hans Habe und Willy Perl ausgebildet, die die Nazis aus eigener Erfahrung kannten. Der in Prag geborene Perl war Rechtsanwalt, Volkswirt und Psychologe und floh 1940 in die USA, nachdem er für 40.000 Juden die Flucht organisiert hatte. Er lehrte in Camp Ritchie die Psychologie der Deutschen, Verhörmethoden und Analyse von Handschriften. In England überzeugte er später kriegsgefangene Offiziere von der Unwahrheit der NS-Propaganda und forschte an längerfristigen Projekten – über den potenziellen Arbeiteraufstand in Wien. Im Dezember 1944 wurde er an die Front versetzt, befragte dort Kriegsgefangene auf der Suche nach Widerstandsquellen und Kriegsverbrechern. Unmittelbar nach Kriegsende schrieb er sich selbst einen Passierschein und fuhr ins sowjetisch besetzte Wien, um seine Frau in die amerikanische Zone zu holen. Später verhörte er die Mitglieder der SS-Kampfgruppe Peiper, die US-Soldaten abgeschlachtet hatte. Nach seinem Kriegseinsatz schlug Perl wie andere „Psycho Boys“ eine wissenschaftliche Karriere ein, er wurde Psychologieprofessor an der Columbia University.

Im Gegensatz zur Holzhammerpropaganda der Nazis, die ihre Niederlagen zu „Frontbegradigungen“ verhübschten, konnte es sich die militärisch überlegene US-Armee leisten, im Großen und Ganzen die Wahrheit zu erzählen. Die musste nur manchmal selektiert, das gegnerische Ohr auf Empfang gestellt werden. Das erreichten sie auf oft verblüffende Weise, etwa in Flugblättern, die als Anleitung zum Aufgeben konzipiert waren: In einer Art Sprachkurs wurde den deutschen Soldaten beigebracht, wie man sich richtig ergibt, nämlich mit erhobenen Händen und den Worten: „Ei ssörender!“ Die psychologische Annahme dahinter: Der Soldat, der zum Aufgeben aufgerufen wird, setzt keine Handlung, der Soldat, der oft genug „Ei ssörender“ wiederholt, kann schließlich nur mehr ans Aufgeben denken. Der Soldat, dem man in den schönsten Worten Butter und Marmelade verspricht, erkennt die plumpe Propaganda. Der Soldat aber, der den Satz „Ei äm hungri“ vor sich hersagt, sieht die Marmelade gedanklich vor sich.

Die wichtigsten und erfolgreichsten Flugblätter wurden nicht unbedingt von Schriftstellern und Wissenschaftlern verfasst, sondern oft von proletarischen Flüchtlingen. Der Blechschlosser Kurt Wittler traf den Ton der einfachen Soldaten, wenn er danach fragte, wo denn die nationalsozialistische Wunderwaffe bleibe oder wann die Soldaten zum letzten Mal ihre Offiziere auf dem Schlachtfeld gesehen hätten, für die sie sich opfern sollten. Und er sicherte ihnen zu, dass das Flugblatt eine Art Versicherungspolizze für sie sei – und setzte die Unterschrift von General Eisenhower darunter.

Die Geschichte der „Ritchie“ und der „Sharpe Boys“ ist auch eine Geschichte des Holocaust. Zahlreiche ihrer Familienmitglieder wurden in den Vernichtungs- und Konzentrationslagern ermordet. Einige waren vor ihrer Flucht selbst ins KZ deportiert worden – wie Siegmund Bernfeld im Zuge der Novemberpogrome 1938. Der ehemalige Schutzbündler hatte sich für eine Nachbarin beim britischen Konsulat für ein Visum angestellt, als er verhaftet und nach Dachau deportiert wurde. Nach seiner Entlassung im Juli 1940 in die USA geflohen, arbeitete er als Maschinist, bis er im Oktober 1941 Teil der Army wurde und im September 1942 in Ritchie landete – nicht ahnend, dass er sich nur wenige Tage, nachdem er sich dort den Film „Casablanca“ angesehen hatte, tatsächlich in Casablanca wiederfinden sollte.

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