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Die Ich-Pleite

Eigentlich ein Sommer wie früher

(c) Carolina Frank
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Und auch frage ich mich: Habe ich mich im Homeoffice so verändert? Eigentlich nicht!

Auf den Autobahnen staut's wieder, auf den Stränden wurlt's wieder, die Hotels füllen sich wieder, und in Venedig bezahlt man wieder das Doppelte für den Cappuccino. Eigentlich ein Sommer wie früher. Nur dass die Liegestühle jetzt weiter auseinanderstehen und statt Eis Desinfektionsmittel verkauft wird.

Aber die Menschen tragen nach wie vor dunkle Sonnenbrillen, durch die sie einen ungestört beobachten können. Dabei kann man Bekannte entdecken. Unter der Stranddusche stoße ich mit einem Ex-Flirt zusammen. Der mich allerdings nur groß anschaut. Am Tag darauf sehe ich eine Bürokollegin im Souvenirladen. "Küsschen geht ja nicht", rufe ich eilig, "schaaade!" Sie, ganz aufgekratzt: "Hey, jetzt hätte ich dich fast nicht erkannt!" Obwohl sie mich monatelang auf Zoom gesehen hat.

Aber gut, in letzter Zeit immer nur im Gegenlicht. Und wie's der Teufel haben will, treffe ich auch noch meinen Chef im Strandcafé. Er schaut mich an und sagt: "Due cappuccini, per favore!" Sicher, es ist nicht ungewöhnlich, dass er einen als Bedienungspersonal anspricht, aber auf Italienisch? Und ich frage mich: Habe ich mich im Homeoffice so verändert? Gut, vielleicht bin ich ein bisschen pflegemuffelig geworden. Die Haare schneide ich mir immer noch selbst. Und die Investition in eine neue, nicht zerrissene T-Shirt-Generation oder in ein Paar Sneakers, an denen noch beide Sohlen dranhängen, betrachte ich als rausgeschmissenes Geld. Das Kontaktlinsenkaufen habe ich mir erspart und wieder das alte Krankenkassengestell aufgesetzt. Auch der Bikini vom vorigen Jahr passt nicht mehr perfekt. Und, ja, ich habe mir auch Selbstgespräche angewöhnt. Manchmal auch laute. Aber sonst  
habe ich mich überhaupt nicht verändert!

(Die Presse - Schaufenster", Print-Ausgabe, 17.07.2020)