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Mein Dienstag

Hotel Mama

Ich kann mich wirklich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal ein Horoskop gelesen habe, hole das aber umgehend nach.

Hotel Mama zeichnet sich auch dadurch aus, dass man nie weiß, was als Nächstes passiert, es ist wie ein Serienmarathon auf Netflix. Mama annektiert frühmorgens mit Fanfaren das Zimmer und verkündet „Aufstehen!“, und dann „Home-Office ruft“, also steht man auf, wäscht sich, zieht sich um, pfeift sich schnell Brot, Käse und Kaffee rein und kommt während des Zähneputzens drauf, es ist Sonntag. Ich muss überhaupt nicht arbeiten. So verbringt man den restlichen Vormittag damit, derangiert am Küchentisch zu sitzen und sich zu fragen, wie es sein kann, dass man nun seit fast vier Jahrzehnten auf denselben Trick reinfällt. Eine Stunde später siehst du mich kniend im Gemüsebeet mit einer Spitzhacke in der Hand. Was tue ich genau? Ich weiß es nicht.

„Nicht so . . . so musst du das machen“, sagt Mama. „Macht dich dein Home-Office ganz weltfremd?“ Eine Stunde später schauen wir eine türkische Talkshow an. Eine Heiratsbetrügerin ist mit einer halben Million Lira untergetaucht, aber in Wahrheit schauen wir nicht fern, wir schielen heimlich durch das Fenster in den Nachbargarten, dort hantiert die Nachbarin mit einer Säge, dann schaut sie in unsere Richtung, hält die Säge hoch und fuchtelt, wir fühlen uns ertappt, können aber nicht wegschauen. „Ah“, sagt Mama, „sie winkt.“ Sie winkt uns mit der Säge. Wo ist die Spitzhacke, ich will zurückwinken. Dann, plötzlich, spaziert eine Katze durch das Wohnzimmer. Wir haben keine Katze. „Wem gehört die?“, frage ich. „Woher soll ich das wissen?“, sagt Mama.

An dem Tag, an dem ich wirklich arbeiten muss, sagt Mama, sie bringt mir einen „kleinen gesunden Snack“ ins Zimmer, und sie bringt den Snack, der Snack besteht aus zwei Äpfeln, vier Marillen, einer Schüssel Kirschen, einer größeren Schüssel Erdbeeren, zwei Marmeladebroten, einer kleinen Schüssel Walnüsse, einem Knoppers, zwei Milchschnitten, frischem, geschnittenem Ingwer (?), zwei Stück dampfendem, gefülltem Paprika, Weißbrot und einem Teller mit Reis; nein, ich übertreibe nicht, und ja, ich habe gerade gefrühstückt.
Mamas sollen ewig leben dürfen.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.07.2020)