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Leitartikel

Ein perfekter Sturm als Realitätstest für Churchill-Fan Boris Johnson

Die Coronakrise legte die Schwächen des britischen Premiers bloß.
Die Coronakrise legte die Schwächen des britischen Premiers bloß.APA/AFP/TOLGA AKMEN
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Die Coronakrise legte die Schwächen des britischen Premiers bloß. Bei den Brexit-Verhandlungen wird sich zeigen, ob er seinem Vorbild gerecht wird.

Wer war schnell noch einmal Theresa May? Ein Jahr ist es her, dass die glücklose Premierministerin und Pastorentochter Platz machte für Boris Johnson, der sich ein halbes Leben lang für den Job in der Downing Street vorbereitet hatte. Mit Verve ging er ans Werk. So, als hätte er keine Zeit zu verlieren, trat der Ex-Journalist, frühere Londoner Bürgermeister und Kurzzeit-Außenminister gleich nach seinem Einzug ins Zentrum der Macht wie ein Wirbelwind vor der berühmtesten Adresse des Landes ans Podium, um sein Regierungsprogramm zu verkünden. Brexit, Brexit, Brexit: So lautete seine Priorität – und er versprach unter anderem Investitionen ins marode Gesundheitswesen.

Johnson setzte auf volles Risiko und die Einflüsterungen seines sinistren Chefstrategen, Dominic Cummings. Die Finte der Auflösung des Parlaments scheiterte am Einspruch des Obersten Gerichtshofs, das Neuwahl-Hasard endete jedoch im Triumph für die Tories. Nach endlosen Irrungen und Wirrungen war der Weg frei für den Brexit, für den Bruch mit Brüssel. Der zweite Brexit-Akt, der härtere, steht der Regierung Johnson aber noch bevor – und der verheißt noch einmal großes Drama und heillose Komplikationen um Fischereirechte und Übergangsfristen. Für Details und Fakten hat sich der Premier indes noch nie sonderlich interessiert.

Wie recht Boris Johnson mit seinen Infrastrukturmaßnahmen behalten sollte, erwies sich in diesem Frühjahr, als er in der Coronakrise mit seiner sorglosen Attitüde eine schlechte Figur machte und schließlich selbst auf der Intensivstation landete. Das viel gerühmte nationale Gesundheitssystem war an seine Grenzen gestoßen, getroffen von einer Epidemie, die in Europa am schwersten auf der Insel wütete. Doch Johnson, das Stehaufmännchen, das alle Stürme des Lebens und der Karriere bisher überstanden hatte, kehrte angeblich geläutert zurück – um kurz darauf noch einmal Vater zu werden. Für private wie politische Turbulenzen ist der britische Premier ja allemal gut.

Dass Politik kein Kinderspiel ist, ist Johnson spätestens im Spital gedämmert. Und dass die Coronakrise längst nicht überwunden ist, weiß er auch. Nicht nur, dass im Herbst – wie anderswo – eine zweite Welle auf Großbritannien einbrechen wird. Dann werden auch die vollen ökonomischen Folgen der Quarantäne zutage treten – zu einer Zeit, da für das Königreich das Brexit-Endspiel beginnt. Es ist ein perfekter Sturm. Eine Erpressungstaktik nach dem Motto „Unser Deal oder kein Deal“ wird nicht zum Erfolg führen. Johnson muss eine ernsthafte Brexit-Strategie entwickeln.