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Hausgeschichte

Leoben: Ein Fuchsbau aus fünf Häusern

Der Arkadengang im Hof des neuen Ensembles.
Der Arkadengang im Hof des neuen Ensembles.(c) V.Kielnhoferr
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Im steirischen Leoben adaptierte Architekt Dominik Staudinger vier Häuser aus Barock, Biedermeier und Gründerzeit zu Studentenwohnraum – und baute noch ein neues dazu.

Die Montanuniversität in Leoben sorgt für Weiterbildung – und Wohnraumnachfrage. 71 Studierende finden seit kurzem in einer neuen Anlage mitten in der Stadt Platz – von Immodienstleister Silver Living in Form eines Bauherrenmodells konzipiert. Ungewöhnlich daran: Die 2500 m2 Gesamtnutzfläche mit Wohnküche, Studier- und Multifunktionalräumen sind nur zum kleinen Teil neu gebaut. „Es galt, vier alte Häuser, die aus unterschiedlichen Epochen stammen und 17 unterschiedliche Niveaus aufwiesen, zu einer Einheit zu verschmelzen“, erzählt Architekt Dominik Staudinger von der außergewöhnlichen Aufgabe.


Gerberbecken erhalten 


Das älteste, rund 250 m2 große Haus stammt aus dem 17. Jahrhundert und war, wie der Name „Ledererhaus“ verrät, eine Gerberei, „und lag schon lange im Dornröschenschlaf.“ Positiv war, dass die Bausubstanz in Ordnung und das Haus quasi im Originalzustand erhalten war. „Die Gewölbe, der alte Schiffsboden, der Dachstuhl und sogar die Gerberbecken im Erdgeschoß – dem heutigen Veranstaltungsraum – standen noch so da wie früher. Wir haben sie natürlich belassen und mit einem Gitterrost versehen “, erzählt der Architekt. Die drei „Burschenzimmer“ im ersten Stock wurden in Garconnieren umgewandelt, das Dachgeschoß ausgebaut.

Blick auf die Dachgestaltung.
Blick auf die Dachgestaltung.(c) V.Kielnhoferr


Das Haus steht unter Denkmalschutz, worüber Staudinger froh war: „Für mich ist das immer eine große Hilfe, denn dadurch bekomme ich Unterstützung. Für die Renovierung und Instandsetzung eines solchen Hauses braucht es Handwerker, die Verständnis dafür haben.“


Arkade trifft Pawlatsche


Aus den 1840er-Jahren stammt das zweite Haus des Ensembles – durch einem Arkadengang mit dem „Ledererhaus“ verbunden. Es war bis zuletzt bewohnt und in einem „ganz passablen Zustand. Die einzige negative Überraschung war, dass der Dachstuhl kaputt war und neu aufgesetzt werden musste.“ Das dritte Haus wurde um 1870, erbaut, war unbewohnt und stand längere Zeit leer – und wartet mit einer Besonderheit auf: einem hölzernen Pawlatschengang. „Für Leoben ziemlich typisch, aber mittlerweile nur noch selten vorhanden“, erklärt Staudinger. Und das vierte Haus schließlich ist ein Zinshaus aus der vorletzten Jahrhundertwende, mit Parkett, hohen Räumen und Doppelflügeltüren. Der Parkettboden musste allerdings ausgetauscht werden.

Einer der erhaltenen Dachstühle.
Einer der erhaltenen Dachstühle.(c) Bauer Simon


Und Haus Nummer fünf? „Ursprünglich wollte ich – als Gegensatz – einen einfachen weißen Kubus hinstellen, bin aber auf Widerstand gestoßen, weil das Bundesdenkmalamt wollte, dass die Formensprache der alten Häuser auch im neuen Gebäude fortgesetzt werden sollte.“ Er ließ sich überzeugen ist und ist heute „froh darüber, das ganze Ensemble schaut aus, als wäre es immer schon so dagestanden.“
Natürlich mussten die alten Häuser technisch auf den neuesten Stand gebracht und zum Beispiel Sanitärräume geschaffen werden.

Bäder in Boxen

„Die Bäder im Ledererhaus haben wir als Boxen hineingestellt und die tiefe Schüttung hat problemlos erlaubt, das technische Equipment und die Installationen dort unterzubringen. In den anderen Häusern war das ebenfalls kein Problem“, sagt Staudinger. Die Dachböden wurden in allen vier Häusern ausgebaut, und, wo möglich, der alte Dachstuhl original und sichtbar belassen. Geschaffen wurden neben Garconnieren auch größere Wohneinheiten, die als WG genutzt werden. „Damit können die Wohnungen im Fall des Falles auch andere Funktionen übernehmen – als Stadt- oder Seniorenwohnungen“, umreißt der Architekt das nachhaltige Konzept.
„Das Ganze ist natürlich unglaublich verwinkelt und eng, die Wegeführung war sehr schwierig, es war wie ein Fuchsbau und einige Handwerker hatten bis zum Schluss Orientierungsprobleme“, erzählt der Architekt schmunzelnd. Nicht zuletzt deshalb hat er als Verbindung zwischen den alten Häusern und seinem Neubau auf der Dachebene einen überdachten Arkadengang geschaffen, „als ein Zitat zum hölzernen Pawlatschengang“.

Zum Ort

Leoben ist mit rund 25.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt der Steiermark, knapp 4000 Personen studieren derzeit an der Montanuniverstität. Im teilweise immer noch stark von Bevölkerungsrückgang geprägten Bezirk kosten Einfamilienhäuser derzeit zwischen 653,3 und 1811,2 Euro/m2, neue Eigentumswohnungen zwischen 1246,5 und 2486,5 Euro/m2.

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