Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Die Grünen-Europapolitikerin musste ihre Gastronomieunternehmen in die Insolvenz schicken.
Insolvenz

Sarah Wieners Restaurants sind pleite

Die Grünen-Europapolitikerin musste ihre Gastronomieunternehmen in die Insolvenz schicken. Seit Wochen bangte sie um ihre fünf Betriebe in Hamburg und Berlin, die sie in 30 Jahren aufgebaut hat.

Wien/Berlin. Die Coronapandemie hat nun ihr erstes prominentes Opfer in der Gastronomie gefunden. Die Köchin und Politikerin Sarah Wiener ist mit ihren Restaurants pleitegegangen. Die in Deutschland tätige österreichische EU-Abgeordnete und Fernsehköchin Sarah Wiener (Grüne) hat am Mittwoch für ihre Restaurants und ihr Catering Insolvenz angemeldet und postete dies auch auf Facebook. „Für mich geht damit vorerst meine dreißig Jahre dauernde Catering- und Gastronomie-Ära zu Ende.“

Wiener hatte quasi aus dem Nichts ein kleines Restaurant- und Catering-Imperium aus dem Boden gestampft. Nach einer Kindheit in Wien brach sie mit 17 die Schule ab, trampte durch Europa und hielt sich mit Gelegenheitjobs über Wasser. In Berlin lebte sie mit ihrem neugeborenen Sohn eine Zeit lang von der Sozialhilfe, bis sie schließlich im Restaurant Exil ihres Vaters in der Küche aushalf.

Mit 28 gründete sie schließlich ihr erstes Unternehmen. Sie bot Catering für Filmproduktionen an. 1999 eröffnete sie in Berlin das „Speisezimmer“, ihr erstes Restaurant.

Bekannt wurde Wiener allerdings durch ihre Fernsehauftritte, in Johannes B. Kerners täglicher Kochshow avancierte sie zum Publikumsliebling. Ihre Popularität als Fernsehköchin nutzte sie immer mehr, um auch gesellschaftspolitische Themen aufzugreifen. So engagiert sie sich seit vielen Jahren für artgerechte Tierzucht und kritisierte Gentechnik in der Lebensmittelindustrie. Ihre Sarah-Wiener-Stiftung widmet sich der gesunden Ernährung von Kindern.

Einzug ins Europaparlament

Vergangenes Jahr kandidierte Wiener neben Werner Kogler als Spitzenkandidatin für die österreichischen Grünen bei den EU-Wahlen. Als EU-Abgeordnete vertritt sie die Grünen im Ausschuss für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung sowie im Ausschuss für Binnenmarkt und Verbraucherschutz.

Bereits Anfang Juni gab Wiener zu, dass sie als Unternehmerin mit herben Verlusten zu kämpfen habe. „Für die Gastronomie und die Hotellerie ist die Krise ein pures Desaster“, sagte sie dem „Handelsblatt“. Obwohl sie persönlich wirtschaftlich von der Krise schwer betroffen war, warnte sie als Politikerin vor zu hohen Staatshilfen.

„Es ist absurd zu glauben, dass der Staat allen helfen kann. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht zukünftigen Generationen eine enorme Schuldenlast aufbürden – zusätzlich zur Klimakrise“, sagte sie. Allein ihr Catering-Unternehmen absolvierte Hunderte Events pro Jahr. Seit März fehlten „sechsstellige Einnahmen“, gab Wiener unumwunden zu. „Ich bin ernsthaft in Sorge“, sagte sie dem „Handelsblatt“ vor knapp einem Monat. Vor allem sorge sie sich um ihre 120 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Nun sind Wieners Befürchtungen Realität geworden. Neben dem Catering betrieb Wiener je zwei Restaurants in Berlin und Hamburg. „Besonders bitter ist das für meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die zum Teil weit über 15 Jahre mit mir gekocht und gearbeitet haben“, schrieb die EU-Parlamentariern am Donnerstag und bedankte sich beim Personal für seinen Einsatz.

Ähnlich wie in Wien ist die Gastronomie und Hotellerie in Hamburg und Berlin stark vom internationalen Tourismus abhängig. Wie sich zeigt, meiden viele Urlauber die Ballungszentren. Das belegen auch die aktuellen Zahlen aus Wien. Im Juni gab es um 88 Prozent weniger Nächtigungen als ein Jahr zuvor. Die wenigen Gäste, die in der Stadt sind, kommen großteils aus Österreich. Einen Totalausfall gab es bei den Besuchern aus sonst so starken Märkten wie USA, Italien oder China.

Kein Licht am Ende des Tunnels

Fast identische Zahlen werden aus Hamburg berichtet. Auch dort brachen die Übernachtungen um 86,5 Prozent ein. Im Mai wurden in Hamburg 76.000 Touristen registriert, vor einem Jahr waren es fast 700.000. Mit der Kampagne „Ahoi Again“ wirbt die Hafenstadt um Urlauber. Für Wieners Restaurants kommt das „Ahoi“ zu spät.

Via Facebook postete die Köchin: „Es ist schmerzhaft, dass Corona nun auch unsere Gastronomie erwischt hat.“ Und: „Hoffen wir, dass viele viele Hotel- und Gastronomiekolleginnen und -kollegen in ganz Deutschland und Österreich, in ganz Europa und darüber hinaus, durchhalten können und Licht am Ende des Tunnels sehen. Wir konnten es nicht mehr.“ (red./ag.)

ZUR PERSON

Sarah Wiener wurde 1962 in Halle in Deutschland geboren und verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Wien. Dort brach sie die Schule ab. Ohne Schulabschluss und Lehre baute sie ein Gastronomieunternehmen auf. Zuletzt betrieb sie vier Restaurants und ein Cateringunternehmen in Berlin und Hamburg.

Bei den EU-Wahlen im vergangenen Jahr kandidierte Wiener als Parteilose für die Grünen und sitzt seither im EU-Parlament.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.07.2020)