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Molekularmedizin

Neuer Anlauf im Kampf gegen Lebererkrankungen

Leberzirrhose ist keineswegs nur die Folge übermäßigen Alkoholkonsums. Auch Übergewicht und Zuckerkrankheit sind anerkannte Ursachen.(c) dpa-Zentralbild/Waltraud Grubitzsch (Waltraud Grubitzsch)
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Schwere Leberschädigungen zählen in Österreich zu den häufigsten Todesursachen. Wirksame Behandlungen für die zu Unrecht als „Trinker-Krankheit“ abgetane Leberzirrhose gibt es nicht. Wiener Forscher suchen nach Möglichkeiten, den Verlauf frühzeitig zu stoppen.

Für viele Patienten mit fortgeschrittenem Leberschaden ist eine aufwendige und riskante Organtransplantation die einzige Überlebenschance. Für sie könnte es neue Hoffnung geben: Am Mitte Juni eröffneten „Christian-Doppler-Labor fürPortale Hypertension und Fibrose bei Lebererkrankungen“ an der Med-Uni Wien suchen Wissenschaftler nach Möglichkeiten, das Voranschreiten dieser Erkrankungen, die letztlich in die tödliche Leberzirrhose münden, aufzuhalten und den Heilungsprozess zu unterstützen, solange dieser noch möglich ist.

Die Leberzirrhose ist eine ausgeprägte Gewebsvernarbung, die unter anderem dazu führt, dass das lebenswichtige Stoffwechselorgan den Körper nicht mehr entgiften kann. Sie ist keineswegs, wie man als Laie oft meint, nur die Folge übermäßigen Alkoholkonsums. „Neben Zuckerkrankheit und Virushepatitis sind vor allem Übergewicht und Bewegungsmangel weitere anerkannte Ursachen“, erklärt Thomas Reiberger, Leiter des Labors. Eine Zirrhose entsteht freilich nicht von heute auf morgen: Sie zeichnet sich ab – zumeist als Fettleber. Der Betroffene spürt den Schaden in vielen Fällen aber erst, wenn bereits eine Leberentzündung oder, in weiterer Folge, eine Vernarbung (Fibrose) vorliegt.

Signalwege starten Entzündung

Das Heimtückische: Während manche Lebererkrankungen gut behandelbar sind und bei Alkoholikern die Abstinenz eine effektive Möglichkeit darstellt, die Gewebszerstörung zu stoppen, ist die Medizin bei der Behandlung der „nicht alkoholischen Fettleber“ und der daraus entstehenden Fibrose weitgehend ratlos. „Zwar werden weltweit verschiedene Ansätze erprobt, zugelassene Therapie gibt es aber noch keine“, sagt Reiberger. „Eine Änderung des Lebensstils ist schwer durchzusetzen und führt daher nur bei wenigen Patienten zu einer Verbesserung.“ Die vom Bundesministerium für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort mitfinanzierte Forschung am Doppler-Labor will hier ansetzen. Was man bereits weiß, ist, dass es in der Leber Zellen gibt, die durch eine ungesunde Lebensführung über bestimmte molekulare Signalwege aktiviert werden und den Entzündungs- und Vernarbungsprozess in Gang setzen.

„Für jene Signalwege, die bereits identifiziert wurden, sind keine zugelassenen Hemmstoffe vorhanden“, beklagt Reiberger, der davon ausgeht, dass es unterschiedliche Arten solcher Zellen und weitere, noch unentdeckte Signalwege gibt. „Wenn wir diese Zusammenhänge und die zeitlichen Abfolgen genauer kennen, gelingt es vielleicht, hier gezielt einzugreifen und das Verhalten der Zellen über eine Manipulation der Botenstoffe und Signalwege zu beeinflussen, sodass es zu einer Reduktion der Vernarbung kommt – eventuell auch mit Kombinationstherapien.“

Um die Geheimnisse der Erkrankungen zu lüften, werden Zellen, die dank der Zusammenarbeit mit der Universitätsklinik am AKH Wien Patienten entnommen wurden, genau untersucht. Dabei gilt es nicht nur das Verhalten der Leberzellen zu analysieren, sondern auch deren Zusammenspiel mit den umgebenden Bindegewebszellen.

Gefährlicher Bluthochdruck

Mit an Bord sind das Forschungszentrum für Molekulare Medizin (CeMM) der Akademie der Wissenschaften, das Ludwig-Boltzmann-Institut für seltene und undiagnostizierte Erkrankungen sowie das Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim. Das Finden geeigneter Medikamente gegen Fibrose ist aber nur ein erster Schritt. Durch die Zerstörung des Organs ist dessen Durchblutung meist schlecht, sodass der Blutdruck in den Gefäßen vor der Leber deutlich über den Normalwerten liegt. Die Mediziner sprechen vom Pfortaderhochdruck bzw. von der portalen Hypertension. Dadurch kann es zu inneren Blutungen und zu Flüssigkeitsansammlungen im Bauchraum kommen.

Solche Komplikationen zu verhindern, könnte Leben retten. „Zudem gelangen beim Vorliegen dieses Krankheitsbildes die Wirkstoffe der eingesetzten Medikamente nicht zur Leber – also dorthin, wo sie helfen sollen“, erklärt Reiberger. Alternativen zur herkömmlichen, allerdings schlecht verträglichen und nicht in allen Fällen wirksamen Betablocker-Therapie zu entwickeln, um eine Verbesserung der Durchblutung zu erreichen, ist daher ein weiteres Forschungsziel. Das Projekt ist auf sieben Jahre angesetzt.

 

LEXIKON

Die Leber entgiftet den Körper, produziert Proteine und Gallensaft und reguliert den Hormonhaushalt sowie den Fett- und Kohlehydratstoffwechsel. Fettleber ist die häufigste Lebererkrankung, oft verursacht durch übermäßigen Genuss von Alkohol sowie fetten und stark zuckerhaltigen Speisen. Bewegung und fettarme Ernährung beugen vor.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.07.2020)