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Anifer Journalismustage

Geschichten aus der Datenwolke

Wikileaks: Julian Assange
Wikileaks: Julian AssangeREUTERS
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Erfolge. Wikileaks, Panama und Paradise Papers – der Datenjournalismus feierte zuletzt große Erfolge, half Desinformation einzudämmen und, weil es gelingt enorme Datenmengen zu verarbeiten, neue Geschichten zu erzählen.

Als im Frühling Covid-19 zur Pandemie wurde und weltweit Ausgangssperren ausgerufen wurden, sehnten sich viele in besonderem Maß nach gesicherter Information. Medienhäuser begannen Fallzahlen zu Covid-19 zusammenzutragen und abzubilden.

Die jeweiligen Grafiken unterschieden sich zwar oft in ihrer Aktualität und den verwendeten Quellen, doch eines hatten sie alle gemein: Journalisten sahen sich mit einer Masse an Daten konfrontiert, die sie aufbereiten wollten. Dazu brauchte es Datenjournalisten. Menschen mit Programmierfähigkeiten, die sich darauf verstehen, große Mengen an Daten zu sammeln, sie zugänglich und verständlich zu machen.

Daten zu erfassen und darzustellen war schon immer Teil der journalistischen Arbeit. Doch stellen die durch die Digitalisierung verfügbaren Datenmengen die der Vergangenheit in den Schatten.

Journalisten als Übersetzer

Erster großer Coup des modernen Datenjournalismus waren die Veröffentlichungen rund um die Plattform Wikileaks. Sie publizierte 2010 mehr als 75.000 interne Dokumente des US-Militärs zu Einsätzen in Afghanistan. Kurz darauf präsentierten „New York Times“, „Guardian“ und „Spiegel“ die Daten: als Grafiken, Karten und Texte. Die Öffentlichkeit hatte zwar Zugang zu den Daten, doch erst durch die Arbeit der Journalisten wurde ihr Inhalt sichtbar und zum Skandal.

Schon zuvor hatte „The Guardian“ ein Ressort eigens für Datenjournalismus eingerichtet. Durch Wikileaks gewann das Konzept an Prominenz, andere Nachrichtenhäuser folgten – darunter die „Süddeutsche Zeitung“ (SZ). Sie wurde zum Ausgangspunkt eines größeren Falls: den Panama Papers.

Ein anonymer Informant spielte 2015 einem SZ-Journalisten insgesamt 2,6 Terrabyte Daten bestehend aus mehr als 11,5 Millionen Dokumenten des Offshore-Dienstleisters Mossack Fonseca.

Die schier unüberwindbare Datenmenge wurde durch einen Journalistenverbund ausgewertet, dem International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ). Die Arbeit dauerte über ein Jahr, bis die Ergebnisse im April 2016 zeitgleich von 106 Nachrichtenmedien in 76 Ländern veröffentlicht wurden.

Knapp ein Jahr später folgten die Paradise Papers. Rund 13 Millionen weitere Dokumente belegten Steuervergehen durch Firmen wie Apple, Facebook und Nike, sowie von über 120 Politikern aus beinahe 50 Ländern. Sowohl die Panama als auch die Paradise Papers führten zu einer Reihe von Rücktritten und Strafverfahren.

Sammeln, sichten, darstellen

Doch Datenjournalismus braucht nicht zwangsweise Whistleblower, um an Informationen zu kommen. Verschiedene Organisationen, Forschungsinstitute, NGOs, aber auch staatliche Einrichtungen stellen Datensätze frei zur Verfügung. Die John-Hopkins-Universität etwa sammelt weltweit und tagesaktuell die Infektions- und Mortalitätsdaten zu Covid-19 und bietet sie kostenlos zum Herunterladen an. Die Daten sind also vorhanden. Es gilt nur, sie sichtbar zu machen.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.07.2020)

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